Ein Mann hastete durch die Bahnhofshalle. Sonnenstrahlen fielen durch das gläserne Kuppeldach. Staubmotten leuchteten in der Luft.

Menschentrauben verstopften den Bahnhof. Hunderte Gerüche vermengten sich miteinander. Die Luft war durchdrungen von einer schwülen Wärme, die selbst die kalten Nachtwinde nie ganz auflösen konnten. Schweisstropfen rannen seine Schläfe entlang.

In letzter Minute erreichte er das Perron und stieg in den wartenden Zug. Noch bevor er sich setzen konnte, schlossen die Türen mit einem Zischen und die Bahn setzte sich in Bewegung.

Es dauerte eine Weile, bis er merkte, dass der Zug zu einem Halt gekommen war. Er legte ein Buchzeichen zwischen die Seiten und schloss das Buch. Vor dem Fenster rollten herb grüne Hügel in die Ferne. Nebel bildete Seen in den Mulden und ein letzter Blütenflaum hing an ein paar Baumkronen. Er wandte seinen Kopf. Auf der andern Seite der Bahngleise mäanderte ein kobaltblauer Fluss. Der Mann seufzte und blickte auf die Armbanduhr. Es war noch früh. Ob er die Thermen schon am Nachmittag oder erst am späteren Abend erreichen würde, war ihm reichlich egal.

Nach einer Weile nahm der Zug wieder Fahrt auf und das gleichmässige Rattern lullte den Mann in den Schlaf.

Ein Gähnen durchfuhr ihn. Er blinzelte und legte das Buch beiseite. Seine Beine waren steif und in seine Füsse hatte sich ein Kribbeln geschlichen. Er erhob sich und streckte seine Glieder.

Sein Blick schweifte über die leeren Plätze. Unbemerkt von ihm waren die paar Passagiere, die den ersten Teil der Strecke mit ihm gereist waren, an den letzten paar Haltestellen ausgestiegen. Das erstaunte ihn nur wenig. Schliesslich war ein Grund, wieso er diese Thermen ausgewählt hatte und nicht eine andere Destination, gewesen, dass sie nur wenig Touristen anzogen.

Er setzte sich wieder und zündete eine Zigarette an. Der Rauch trieb in Schwaden aus dem Fenster.

Ein wenig später kam der nächste Halt. Der Bahnhof war kaum mehr als ein überdachter Platz aus gestampfter Erde. Ein paar knorrige Magnolien säumten ihn. Vereinzelt standen Automaten herum, an denen vergilbte Werbeplakate hingen. Menschen waren nirgends zu sehen, ein Ortsschild ebenfalls nicht.

Minuten zogen vorbei wie dunkelgraue Wolken, deren vom Regen schweren Bäuche die Hügelkuppen streiften.

Als eine Weile später der Zug immer noch stockstill stand, nahm er seine Tasche und stieg aus. Er lief die Waggons entlang nach vorne zur Lokomotive. Ein Frösteln biss sich in seinen Nacken, als er entdeckte, dass sie ebenso leer und verlassen war wie die Wagen, die er gerade passiert hatte und der Bahnhof, der zu seiner Rechten lag.

Dunst verhüllte mittlerweile die Ferne, doch so weit er sehen konnte, liess sich nirgends ein Dorf ausmachen. Hier und da stand ein Bauernhaus, in schwärzliches Holz gekleidet. Ob sie bewohnt waren, wusste er nicht. Aus dem Zustand der sie umgebenden Äcker und Wiesen liess sich kein eindeutiger Schluss ziehen.

Ein Ächzen tropfte von seinen Lippen. Aus einem Automaten besorgte er sich für einen lächerlich kleinen Betrag eine Portion Ramen und setzte sich, mangels Wartebänken, unter eine Magnolie. Dampf kräuselte sich über der heissen Brühe und die Nudeln schmeckten so frisch, als wären sie erst an diesem Morgen hergestellt worden.

An einer Flasche Ramune nippend, versuchte er, sich wieder in sein Buch zu vertiefen. Es gelang ihm nicht. Sein Blick huschte immer wieder zum Zug, die Rückkehr des Lokführers sehnlich erwartend.

Die Zeit zog sich dahin und bald schon hatte eine Unruhe von ihm Besitz ergriffen, die ihn auf die Füsse zwang und rastlos auf und ab laufen liess. Einzig die Automaten, die implizierten, dass wenigstens ab und zu jemand vorbei kam, um sie auszufüllen, beruhigten ihn ein wenig.

Die Sonne hatte den Höchststand erreicht und die Hitze hatte selbst die Grillen verstummen lassen. Ein sengender Wind trieb Staub über den Platz. Stille umfing ihn. Die Schatten waren zusammengeschrumpft und die Luft hatte sich in ein Flirren aufgelöst.

Ein harscher Pfiff riss ihn aus seiner Unrast. Er hob seine Tasche auf und eilte zum Zug. Hinter staubigen Scheiben waren hier und da die Silhouetten von Menschen auszumachen. Der Wagen, in dem das von ihm reservierte Abteil lag, war jedoch immer noch leer.

Er liess sich in einen Sitz plumpsen. Seine Finger zitterten unkontrollierbar. Erst als der Zug das verwunschene Tal hinter sich gelassen hatte und (ganz gemäss Fahrplan) an pittoresken Dörfern vorbeirauschte, verlangsamte sich sein Herzschlag wieder etwas.

Die Erinnerung an die lumineszierenden Schatten, die sich organisch windenden Formen und die nicht-euklidischen Geometrien, von denen er in der flirrenden Luft einen Blick erhascht hatte, würde ihn jedoch noch für Jahre bis in seine tiefsten Träume verfolgen.