Die Kälte schmolz langsam aus dem Morgen. Raureif sublimierte und stieg in Dampfschwaden aus dem feuchten Grasnarben. Photonen füllten die Wassertröpfchen mit goldenem Glanz.

Eine junge Frau erwachte schweissüberströmt. Sie schnappte mit trockenem Mund nach Luft und der Traum verblasste aus ihrem Gedächtnis. Zurück blieb eine innere Unruhe und das unangenehme Gefühl, etwas vergessen zu haben. Schlaftrunken tappte sie zum Fenster. Mit matten Armen kurbelte sie den Rollladen hoch und riss die Fensterflügel auf. Ihre Pupillen zogen sich zusammen. Ein Lächeln kräuselte ihre Lippen, als sie die leuchtende Wiese erblickte, die sich etliche Stockwerke unter ihrer Wohnung ausbreitete.

Sie hatte nichts zu tun an diesem Samstag, doch sie konnte nicht mehr schlafen und so bereitete sie sich ein kleines Frühstück zu, das aus geröstetem Brot, einem Stück Hartkäse und einer halben Grapefruit bestand.

Nach einer langen, heissen Dusche verliess sie ihre Wohnung. Die Sublimation hatte nachgelassen. Die meisten Eiskristalle waren verschwunden, doch der Boden war immer noch hart und unnachgiebig. Ihre fedrigen Schritte wurden schneller. Nachdem sie die Wiese überquert hatte, schlug sie einen schmalen Pfad aus gestampfter Erde ein, der sie um ein paar Apartmentblöcke herum zu einem grösseren Weg führte, der dem Fluss entlang tief ins Innere der Stadt führte. In den Augenwinkeln sah sie einen Schatten, der ihr folgte, aber es war nicht ihr eigener. Sie vermutete, dass er eine Halluzination war, aber er jagte ihr trotzdem ein Frösteln über die Haut.

Sie seufzte und fokussierte den Blick auf den Jogger, der vor ihr rannte. Das brachte ihr ein wenig Ablenkung, konnte ihre Konzentration aber nicht lange halten. So rutschte ihr Blick rasch wieder zurück zum Schatten, der am Rande ihres Gesichtsfeldes flackerte. Unnachgiebig verharrte er dort, krallte sich in ihre Gedanken, die sie so gerne hätte schweifen lassen.

Der Fluss durfte ein wenig mäandern, das Betonkorsett war nicht allzu eng geknüpft, und so boten das Wasser und das im Sommer so lieblich kühle Grün vielen Tieren Unterschlupf. So auch jenem Schwan, der nun neben ihr auf dem Fluss dahinglitt. Er glimmte auf den dunklen Wassern wie ein fernes Gestirn. Ein Stück Plastik schwamm an ihm vorbei und er schnappte mit dem Schnabel danach. Sie streckte ihren Arm aus und wollte ihm zurufen, doch er liess das Plastik wieder los und krähte entrüstet.

Sie traute seiner Wirklichkeit nicht. Zu rein und zu lichtdurchdrungen erschien ihr sein Gefieder für einen Vogel, der immer wieder in das trübe und schlammige Wasser tauchte. Und doch verhielt er sich sehr schwanenhaft. Vielleicht zu schwanenhaft. Wie ein Superstimulus in Schwanengestalt.

Später kam sie an einem Schulgelände vorbei, das durch einen breiten, aber kahlen Grüngürtel vom Flussbereich getrennt war. Schüler gingen in Gruppen verschiedenen Aktivitäten nach. Manche jauchzten enthusiastisch, andere schleppten unwillige Körper über Tartanflächen. In einer Ecke, abseits der anderen Schüler, stand eine Gruppe junger Burschen. In ihrer Mitte ein jüngeres, bebrilltes Kind, das sie zwischen sich hin und her schubsten. Unwillkürlich blieb sie stehen. Fast vermeinte sie, das Kind schluchzen zu hören. Sie zögerte, Blut rauschte in ihren Ohren und die Zeit war zähflüssig wie Melasse geworden, dann wandte sie sich ab und lief davon. Der Puls in ihren Ohren war so laut geworden, dass er das Brausen des Flusses übertönte.

Eine kurze Weile später kam sie zu einer schmalen, elegant geschwungenen Brücke. Das Holzgeländer war glatt und kühl unter ihren Händen. In der Mitte stand ein Mädchen, das Gesicht in langen blonden Haaren verborgen. Als sie an ihm vorbei gehen wollte, wandte es seinen Kopf mit einem Ruck um. Das Haar fiel zur Seite hin. Blanke Augen starrten sie an. Dann streckte es ihr die Zunge entgegen, drückte etwas in ihre Hand und rannte mit lautlosen Schritten davon. Sie öffnete ihre Finger und blickte auf einen Lollipop, Kirschgeschmack. Nach kurzem Zögern wickelte sie ihn aus dem Papier und steckte ihn in den Mund. Er schmeckte zuckersüss und kalt. Das Wasser toste unter ihr. Der dunkle Klang betäubte ihre rohen Nerven, doch die Ruhe, hier zu verharren, fand sie nicht.

So lief sie weiter, durchquerte Moraste menschlicher Einsamkeit, Betonwüsten, Neonlichtkaskaden, kam an einem Katzenkadaver vorbei, der überfahren am Strassenrand lag, an kaltgetränkten Alkoholikern, braungebrannten Rasenflächen, gläsernen Monolithen, deren inhaltsleeren Fassaden das lichtlose Grau der Stadt widerspiegelten.

Schliesslich erreichte sie den Wald, der sich südlich der Stadt über sanft rollende Hügel ausdehnte. Dunkles Tann erwartete sie, verdeckte bald den eisig blauen Himmel. Ihre Schritte federten auf den weichen Nadeln. Es roch lieblich herb nach Harz. Kuckucke schrien gespenstisch. Totholz lag hie und da auf dem Boden. Sie stolperte, taumelte tiefer in den Traum hinein.