Grau filterte das Licht durch die schweren, brodelnden Wolken, färbte selbst die dicht fallenden Schneeflocken grau. Eis überwucherte die Ränder eines Teiches, dessen Ausläufer sich tief in die kleinen Wäldchen hinein streckten, die den Park übersäten. Zwei Frauen blickten über die weissgraue Fläche hinaus und sprachen mit gedämpften Stimmen. Ein Passant, der zufällig auf dem Fussweg vorbei gekommen wäre, hätte nur mit grossem Glück aufschnappen können, worüber sie sprachen. Doch heute war der Park weitgehend menschenleer geblieben und so kam es, dass niemand ihr Gespräch mithörte. Einzig als ein Windstoss ihr lautes Lachen auf das Wasser hinaustrug, stoben ein paar Enten auf und flogen laut schnatternd davon.

Kurz danach umarmten sich die Frauen und liefen in entgegengesetzten Richtungen davon. Der Erzähler verharrte für einen Moment am Teich. Am fernen Ufer erspähte er einen dunkel gekleideten Mann, der den Kopf in den Nacken gelegt hatte. Eine Hornbrille verhinderte, dass die Eiskristalle in seine Augen fielen. In seinem Lidschlag lag eine Sehnsucht, die der Erzähler gut kannte. Sie war vage und flatterhaft, aber kräftig und pulsierend wie die Herzmuskulatur, die sie ergriffen und durchdrungen hatte. Er hatte nie versucht, sie in Worte zu fassen. Zu bewusst war ihm die Hoffnungslosigkeit dieses Unterfangens. Aber er wusste, dass es nicht der in diesen finsteren Winterstürmen so verbreitete Wunsch nach silbernem Sonnenschein und warmen Frühlingsbrisen war. Denn er mochte das heutige Wetter. Es gab ihm eine gewisse, eigentümliche Fröhlichkeit, die sich deutlich von derjenigen unterschied, die er an sonnengelben Tagen spürte, die aber nicht von geringerer Intensität war.

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die beiden Frauen schon weit vom Teich entfernt und waren längst im dichten Schneetreiben verschwunden. Der Erzähler verharrte eine Weile beim Weiher, betrachtete die Eiskristalle, die sich mal federhaft und mal hornartig ins Wasser bohrten. Wäre er keine körperlose Stimme gewesen, hätte er nun gelächelt und genossen, wie die Kaltluft um seine Fingerspitzen wirbelte.

Ausserstande, sich diesen Sinnesfreuden hinzugeben, kehrte der Erzähler zurück zu einer der beiden Frauen. Sie hatte sich auf einer schneebedeckten Bank niedergelassen, zwischen sich und der Kälte ein schwarzer Mantel. Sie starrte in die Leere, ihre Augen waren nicht fokussiert. Dann seufzte sie, beobachtete, wie der Atem aus ihrem Mund strömte und in der Luft kondensierte. Ein Zittern ging durch ihre Brust, als eine Nachricht auf ihrem Mobiltelefon einging. Sie klaubte es aus der Mantelinnentasche und blickte darauf. Schwarze Lettern nahmen Gestalt an. Sie schluckte schwer. Ihre Schultern schmerzten und die Luft brannte in ihren Lungen. Der Wind schnitt sich eisig in ihre entblössten Wangen. Die Wolken glitten bleiern dahin, grau betäubten sie ihre Sinne.

Sie lachte gellend. Dann schob sie das Mobiltelefon zurück in die Manteltasche und erhob sich. Ihre Gelenke schmerzten wegen einer Erkältung, die sie sich vor wenigen Tagen eingefangen hatte. Winterkälte hatte sich mittlerweile durch ihren Mantel gefressen und über ihre Lenden gelegt. Doch der aufkeimende Missmut, der sie zu überkommen gedroht hatte, war wieder verflogen. Die stetig fallenden Schneeflocken hatten ihren Glanz zurück gewonnen. Sie glitzerten und funkelten im spärlichen Licht dieses Nachmittags. Die Nachricht lag schwer und ungestalt in ihrem Mobiltelefon, aber sie hielt sie nicht mehr von den kleinen Genüssen ab, die der Tag bot. Ihre Gedanken mochten von Zeit zu Zeit zur Nachricht schweifen, aber sie glitten rasch weiter und kehrten zurück zum tumultösen Wetter.

Gemächlich schritt sie den von Schneeverwehungen durchzogenen Parkpfad entlang. Die Wolkendecke war durchlässig geworden und die Sonne dahinter wurde als fahl weisse Scheibe sichtbar. Die Schatten bekamen scharfe Ränder. Sie blinzelte. Es schneite immer noch, aber das Gegenlicht schnitt sich scharf in ihre Sinne und die Klarheit des Tages liess sie frösteln. Sie fühlte sich entblösst vom Sonnenschein, wünschte sich das graue Zwielicht zurück, das die Blicke verhüllte und in dem sie sich verstecken konnte wie im Dickicht eines lichtlosen Urwaldes. Doch sie genoss die Wärme der Photonen auf ihrer Haut, die aus dem Weltraum prasselten, und der Erzähler löste sich in Wohlgefallen auf.