Blassrosa Blüten lagen versprenkelt auf dem Boden. Ihr süsslicher Duft hing in der Morgenbrise. Ein Frösteln kroch das Rückgrat eines jungen Mannes hoch und grub sich in seinen Nacken.

Tee plätscherte leise aus einer Kanne in die zwei elfenbeinfarbenen Tassen, die auf dem Tischchen standen. Kaum war seine Tasse gefüllt, griff er nach ihr und schlang seine Hände um sie. Hitze floss in seinen Körper zurück, die von diesem fortwährend an den kühlen jungen Tag abgestrahlt wurde.

Eine junge Frau lächelte und strich mit bedächtigen Bewegungen Honig auf ein angebissenes Croissant. Dann öffnete sie ihre Lippen: “Carpe diem, findest du nicht auch?”

Er nickte. “Allerdings hätte ich meinen Tagesbeginn auch drinnen unter der Bettdecke geniessen können.”

“Aber, aber”, schalt sie ihn. “Wie würdest du dann je sehen, wie die Strahlen der aufgehenden Sonne die Kirschblüten liebkosen?”

“Du hättest es auf Film bannen und mir später zeigen können. Aber stattdessen hast du mich aus meinem wohlverdienten Schlaf gerissen und hierher gebracht.” Er hielt inne. Trank einen Schluck Tee. Liess seinen Blick schweifen. “Mit einem hattest du allerdings recht. Der Garten ist tatsächlich sehr hübsch.”

“Auch wenn er nicht der Grund ist, wieso ich dich hierher gebeten habe.”

“‘Gebeten’ ist nicht ganz der richtige Ausdruck”, erwiderte er. “Ich wusste nicht einmal mehr, dass du einen Schlüssel zu meiner Wohnung hast.”

Sie neigte ihren Kopf.

“Und dass du mich dann -”

Eine leichte Röte huschte über ihre Wangen. Ihre Lider bebten. “Lassen wir das. Wir sind nicht hier, um über Nachtgeschichten zu sprechen.”

Er nickte. “Ja. Was war es also, das du mir sagen wolltest? Was ist so wichtig, dass wir ausgerechnet in einem verlassenen Tempelgarten picknicken mussten, um dieses Gespräch halten zu können?”

“Es wäre nicht unbedingt nötig gewesen, aber ich hatte gedacht -” Sie erhob sich. “Komm.”

Er zögerte kurz, griff dann nach einem Croissant und folgte ihr.

Dumpf hallten ihre Schritte über die Bodenplatten, die von Spuren der Verwitterung überzogen waren. Grasbüschel wucherten aus den Spalten und vereinzelt lagen zerbrochene Ziegel herum.

Schliesslich kamen sie vor einem Teich zu stehen. Ein paar Seerosen schwammen im schmutzig grünen Wasser.

“Das wolltest du mir zeigen, Sakura? Altes Wasser?” Beherrschte Wut lag auf seiner Stimme.

Sie schüttelte den Kopf, schlüpfte aus den Sandalen und watete ins Wasser. Der Schlamm war kalt unter ihren Füssen, Algen drängten glitschig gegen ihre Beine.

Nach ein paar Schritten krempelte sie die Ärmel ihrer Bluse hoch und bückte sich. Eine Haarsträhne löste sich und fiel ins Wasser. Ein Zittern ging durch ihren Körper, ihre Nasenflügel dehnten sich. Dann erhob sie sich wieder, ein schlammbedecktes Objekt in ihren Händen. Ihre Nägel kratzten den Dreck von der Oberfläche, mit hastigen Bewegungen säuberte sie das Objekt.

Eine halbe Minute später stapfte sie aus dem Wasser, Schmutzspritzer auf Haut und Kleidern, fädige Algen blieben an ihren Schenkeln kleben.

Ein Lächeln bog ihre Mundwinkel. Weisser Marmor glänzte in der Sonne. Feine, sorgfältige Linien überzogen die Kugel, formten die Umrisse von Kontinenten und Bergketten.

“Ein Globus?”, fragte er erstaunt.

“Ein Erbstück. Mein Grossvater war einer der letzten Mönche hier. Er -”

“Er hat den Globus weggeworfen?”, unterbrach er sie.

“Nein”, erwiderte sie. “Das heisst, ja. Wie du vielleicht weisst, wurde der Tempel nicht ganz freiwillig geschlossen. Deshalb waren die letzten Tage des Tempels ziemlich hektisch. Um zu verhindern, dass alle Vermögensgegenstände beschlagnahmt werden, wurden Panikmassnahmen ergriffen.”

“Lass mich raten. Sie haben ihre Schätze einfach vergraben.”

“Dass war bloss der letzte Ausweg. Es gab andere Lösungen. Die meisten sind radikal gescheitert. Ein paar wenige haben funktioniert. Das hier ist eine davon.”

“Wieso gerade dieser Globus?”

“Huh?”

“Gibt es hier nichts wertvolleres, das du hättest ausgraben können?”

“Ich bin kein Dieb.”, antwortete sie entrüstet. “Der Globus gehörte meinem Grossvater, auf alles andere habe ich keinen Anspruch.”

“Und trotzdem mochtest du nicht alleine auf fremden Grundstücken Schätze ausgraben gehen…”

“Das ist nicht der einzige Grund, wieso ich dich hierher gebeten hatte. Ich -” Sie brach ab. Scharf zog sie Luft in ihre Lunge. Ihre Brust wölbte sich. Senkte sich wieder, als sie ausatmete. “Ich werde dem Tempel der weissen Sonne beitreten.”

“Was?”, fragte er. Seine Stimme überschlug sich.

“Mein Grossvater hat mir schon vor langem von dem Globus erzählt. Doch was wollte ich damit? Mit einem alten Globus? - Als Kind, meine ich. - Doch als ich mich dann entschieden hatte, mich dem Tempel anzuschliessen, fiel mir der Globus plötzlich wieder ein.”

“Ähm ja. Aber wie bist du je auf die Idee gekommen, einem Tempel beizutreten?”

“Es ist eine alte Familientradition”, begann sie und liess den Rest des Satzes in der Luft hängen.

“Manchen Traditionen würde es nicht schaden, auszusterben.”

“Ach, komm’. Du tust so, als hätte ich vor, das nächste Jahrzehnt in einem unzugänglichen Teil des amazonischen Urwalds zu verbringen.”

“Das würde keinen grossen Unterschied machen, oder?”

“Ich gehe nicht in ein katholisches Kloster!”, erwiderte sie aufbrausend.

“Wann?”

“Wenn das Schuljahr vorbei ist.”

“Übernächste Woche also?”

“Mhm.”

Er fasste ihre Hand. “Wenn du so bald gehen mussten, dann sollten wir die verbleibende Zeit nutzen.”

Sie spitzte die Lippen. “Etwas anderes käme auch gar nicht in die Frage. Auch wenn du mich jedes Wochenende besuchen kommen kannst.”

Er hob die Augenbrauen skeptisch. “Bist du sicher? Musst du nicht von der Aussenwelt abgeschnitten sein?”

“Ich sagte schon, dass das kein katholisches Kloster ist. Zwar wird der Alltag dort wie in einem Internat gestaltet und ich werde jedes Mal eine Bewilligung einholen müssen, wenn ich das Gelände verlassen möchte. Aber am Wochenende steht der Tempel allen Besuchern offen.”

Er schüttelte den Kopf. “Ich halte die Idee immer noch für verrückt.”

“Wieso?”

“Denk’ doch nur daran, was du alles verpassen wirst! Während du in einem Tempel festsitzen wirst, werden alle andern ihr Leben in vollsten Zügen geniessen können.”

“Das hab’ ich in den letzten Jahren getan, etwas Ruhe kann zur Abwechslung nicht schaden.” Ein Lächeln zuckte in ihren Mundwinkeln.

Er packte sie bei den Schultern. “Kannst du nicht wenigstens noch ein Jahr warten?”

Ihre Zähne nagten an ihrer Unterlippe. “Ich weiss, dass ich dir versprochen habe, dass wir gemeinsam an die Uni gehen, aber -” Sie brach ab.

“So wie ich dich kenne, wirst du nebenbei ein Fernstudium machen.” Seine Augenlider zuckten. “Zwei Ausbildungen nebeneinander, das ist durchaus nicht übel. Werden wir uns wenigstens bei den Aufnahmeprüfungen sehen? Ich nehme nicht an, dass du diese im Tempel absolvieren kannst.”

Sie wandte sich ab. “Ich schätze, das könnte sich arrangieren lassen.”

“Wenn du es mir wenigstens früher gesagt hättest, dann -”

“Ich habe es selbst nicht früher gewusst.”

“Wir sollten unsere Sachen zusammenpacken gehen und verschwinden. Wir haben immer noch Schule heute und ich sollte mich wohl umziehen gehen.”

Er blickte sie an, studierte ihr weisses Kleid, das nun Schmutzspuren trug. Die feinen Härchen in ihrem Nacken standen auf. Eine Gänsehaut begann sich auf ihren schlanken Oberarmen abzuzeichnen.

Sie liefen zum Picknickplatz zurück. Still und stumm.

“Am liebsten würde ich einfach mit dir kommen.”, sagte er, während den Klapptisch am Motorfahrrad festschnallte.

“Das würde jedoch dem Zweck eines Tempelaufenthaltes zuwiderlaufen.”

“Ich schätze schon.”, erwiderte er nach einer Weile.

Sie nickte und kletterte auf den Sattel, ihre Hände immer noch den Globus umklammernd.

Mit einem Knattern sprang der Motor an und die beiden glitten zurück in den lärmerfüllten Arbeitsmorgen, der in das glutgelbe Licht der Junisonne getaucht war.