Heiss brannte die Sonne auf ihren Kopf. Der Bergwind trocknete ihre Lippen aus und liess die Schweisstropfen verdunsten, noch bevor sie von ihrer Stirn kullern konnten.

Bald schon schmerzten ihre Muskeln, der Korb, den sie mitgebracht hatte, scheuerte unangenehm gegen ihren Oberschenkel, ihre Hände fühlten sich aufgedunsen an und ihre Zunge lag matt und pelzig in ihrem Mund. Sie begann zu bedauern, dass sich sich dafür entschieden hatte, zu Fuss ihre Grossmutter besuchen zu gehen. Üblicherweise nahm sie dafür ihr Motorrad, doch an diesem strahlenden Tag hatte sie die Lust übermannt, den Besuch mit einer Wanderung zu verknüpfen. Die Landschaft hier war nicht ohne Grund weit herum bekannt für ihre extraordinäre, wenngleich auch harsche, Schönheit.

Nach einer Weile erreichte sie ein Grüppchen von Föhren. Sie atmete auf und legte sich in deren Schatten. Als sie eine Weile geruht hatte, griff sie in den Korb und zog einen Energy-Drink hervor. Die kühle Flüssigkeit linderte ihre Kopfschmerzen etwas, die sie schon gespürt hatte, bevor sie aufgebrochen war, aber ignoriert hatte. Nicht wissend, dass diese nicht bloss Ausdruck ihrer morgendlichen Müdigkeit waren, sondern Vorbote einer fiebrigen Migräne. Ein leichtes Ächzen entfuhr ihrem Mund, als sie sich wieder auf den Weg machte.

Die dunklen Fichten des weitläufigen Waldes, in dem das Haus ihrer Grossmutter lag, wiegten in der sanften Brise. Die junge Frau lächelte, nahm den rubinroten Sonnenhut ab und legte ihn auf den Korb. Der herbe Duft, der den Äther erfüllte, kitzelte ihre Nase.

Nur wenige Minuten später hielt sie erneut inne: Ein Wolf stand selbstvergessen über einem Hasenkadaver, zerrte und riss daran. Sie machte ein paar Schritte auf ihn zu, achtsam, die Stille dieser Szenerie nicht zu zerbrechen.

Plötzlich schaute der Wolf hoch. Wohl alarmiert vom Jasminduft, der ihrer Haut entströmte und vom Wind weggetragen wurde, starrte er sie an. Ein leichtes Schaudern ging durch ihren Körper, als die der Kälte gewahr wurde, die hinter diesen goldbraunen Pupillen lag. Die Gelassenheit, mit der das weiche Wolfshirn ihre Körperkraft analysierte und die Distanz berechnete, die zwischen ihnen beiden lag. Er bleckte die Zähne. Blutiger Speichel rann von seiner Zunge und tropfte auf den Boden.

Die Muskeln des Wolfes spannten sich an, er schnellte in die Luft und vollzog eine geschmeidige Drehung. Kaum hatten seine Klauen wieder den Boden berührt, flitzte er davon.

Als sie am Wegesrand stand, über diese Begegnung grübelte und darauf wartete, dass ihr Pulsschlag sich langsam wieder beruhigte, fiel ihr Blick auf die weissgelben, langstieligen Blumen, die hier in üppiger Zahl wuchsen. Angetan von ihrem lieblichen Aussehen pflückte sie einen Strauss für ihre Grossmutter.

Ihre Knöchel schlugen hart gegen das Holz der Türe. Zweimal, dreimal wiederholte sie ihr Klopfen, dann stiess sie die Türe auf. “Grossmama”, rief sie. “Bist du hier? Ich hab’ dir Blumen mitgebracht.” Das Haus schien leer und verlassen zu sein. Dann plötzlich hörte sie ein scharrendes, schlurfendes Geräusch. Sie rief. Das Geräusch kam näher.

Die Küchentür öffnete sich und eine zierliche Gestalt tapste ihr entgegen.

“Oh Grossmama”, wollte sie sagen. Doch die Worte blieben ihr im Hals stecken, als sie die weiss-gläsernen Augen ihrer Grossmutter sah. Dann schlug ihr der Geruch von Verwesung entgegen und sie begriff.

Mit langen Schritten eilte sie aus dem Haus. Sie wühlte in ihrem Korb und zog eine schwere Pistole heraus. Sie entsicherte sie und richtete sie auf ihre Grossmutter. Von Berufs wegen war sie sich zwar gewohnt, andere Menschen mit tödlicher Gewalt bekannt zu machen, doch immer waren es Unbekannte gewesen. Ihre Hand zitterte und sie musste schwer schlucken.

Sie drückte ab. Mehrmals. Mit einem feuchten Klang durchschlugen die Kugeln den Schädel der Grossmutter.

Sie fröstelte, trotz der Wärme, die den Wald durchflutete. Der Adrenalinrausch ebbte langsam ab und ein Tränenschleier legte sich über sie. Danach hörte sie für eine lange Zeit nichts anderes mehr als das Rauschen ihres eigenen Atems und ihre Schritte, die über den trockenen Boden donnerten und sie der Stadt näher trugen.