Du gehst tief auf dem goldenen Grunde der Seen.
Lautlos steigen in Strahlen graue Korallen,
Fließen Phosphorfeuer von grünen Kristallen,
Sinken Perlen auf den braunwelken Grund.

Ultra Violett. Einsame Poesien (1893) — Im Buchenwald

Weiß der Park, ein Korallenhain.
Eisfäden schneiden den See.
Grün gleißen Pfauen im Sternenschein
Auf ätherblauem Schnee.

Ultra Violett. Einsame Poesien (1893) — Faulbaumduft

Wachsbleich die Sommernacht
Auf erddunklen Moderlachen
Singen rosigblaue Irislichter.

Jasmin

Glimmendes Schweigen von faulem Holz.
Flüstergrün der Mimosen.
Schlummerndes Gold nackter Rosen
Auf braunem Moor.
 
Weiße Dämmerung rauscht in den Muscheln.
Granit blank, eisengrau.
Matt im Silberflug Kranichheere
Über die Schaumsaat stahlkühler Meere.

Regenduft

Er, der nur mit den Augen an den Baumrinden gelebt hatte, horchte, wie das Dünengras raschelte, wie die Dünenmäuse miteinander wisperten, wie die Füchse hinter den Baumwurzeln bellten, wie die Eulen sich zuriefen und wie die Fische im Mondschein plätscherten.

Novellen — Die Abendglocken vom Mijderatempel hören

Kurz vor Sonnenuntergang erreicht der Bahnzug in den Bergwellen auf der Höhe von vierzehntausend Fuß todstumme Mooswälder, große, moosumwucherte Laubholzwälder. Die Baummassen sind wie graue Versteinerungen regungslos ineinandergewachsen, als ob die Baumklumpen sich im kühlen, dünnen Luftzug gegenseitig festhielten, damit auf den schiefen Ebenen in der ungeheuren Höhe nicht jählings ein Schwindelgefühl ganze Wälderstrecken in die Tiefe reiße.

Novellen — Der Garten ohne Jahreszeiten

Das ist der Fluch und zugleich die Wollust des Reisens, daß es dir Orte, die dir vorher in der Unendlichkeit und in der Unerreichbarkeit lagen, endlich und erreichbar macht. Diese Endlichkeit und Erreichbarkeit zieht dir aber geistige Grenzen, die du nie mehr loswerden wirst.

Novellen — Himalajafinsternis

In Penang herrscht über allen Dingen, über den Kalkwänden der Häuser, über den breiten Blattflächen der Palmen und über der Haut der Menschen ein ewiges blaues Licht. Immer ist eine Bläue dort über allem, wie ein beständiger Mondschein mitten im Sonnenschein. Das blaue Licht von Penang ist wie der bläuliche Schimmer einer unsichtbaren elektrischen Bogenlampe, ist über den Springbrunnen der Gärten, über den Pflastersteinen, über den Wasserspiegeln des Meeres und selbst über den Panzerplatten der vorüberfahrenden Kriegsschiffe gleichwie ein Phosporleuchten mitten am Tage. Und die Bläue macht den Muschelkalk der Häuser transparent, als könnten die Menschenschritte hier durch die geisterhaften Wände gehen, als wäre die Stadt nur ein bläuliches unwirkliches Schlafbild mitten unter der wachen Tropensonne

Novellen — Im blauen Licht von Penang

Nur am schläfrigen Hochsommermittag, wenn das Seewasser faltenlos mit dem sonnigen Himmel eins geworden ist und kaum noch eine dünne Haarlinie die Seehöhe von der Himmelshöhe trennt, dann ist da eine Sekunde, die jedem ewig im Gedächtnis bleibt, der einmal den Seesommer am Uferrand dort eingeatmet hat - eine Sekunde, die in die Einheit des sonnenglatten Sees eine Teilung bringt, als ob in einem lautlosen Zimmer, in dem zwei Glückliche umarmt Gesicht an Gesicht liegen, ein einziger Glücksseufzer die Stille unterbräche und an ein fernes und künftiges glückliches Leben sich anschlösse. Das ist die Brise von Amazu, die wie ein großer Glücksseufzer über den Hochmittagsee durch die Sommerstille kommt.

Die acht Gesichter am Biwasee. Japanische Liebesgeschichten. (1911) — Sonniger Himmel und Brise von Amazu

Ein japanischer Winter am Biwasee ist nicht so kalt und nicht so schneereich wie die meisten deutschen Winter, aber doch liegt oft fußhoch eine weiße Schneerinde am Seerand, auf den Hausdächern und in den Gabeln der Bäume. See und Himmel sind dann vom Winterdunst eingewickelt. Der See liegt wie ein dunkles Zelt im Nebelrauch, und wie weiße Insektenschwärme kommen die Schneeflocken an. Ihr kreiselnder Tanz im Wind ist im Wintertag das einzige Leben am See, dessen Spiegel blind ist, auf dem sich kein Segel zeigt, dessen Schilffelder abgemäht sind und der einer Wüste aus grauem Basalt ähnelt.

Die acht Gesichter am Biwasee. Japanische Liebesgeschichten. (1911) — Das Abendrot zu Seta

Die Riesenstille des Atlant und das Abendlicht des Atlant, das in den Wolken spiegelte, Stille und Blendlicht kamen mir vom Wasserkörper des Gottes Okeanos zuerst entgegen, beide ungeheuerlich wie große ungeheuerliche Gesten eines unsichtbaren Giganten.

Raubmenschen (1911) — 1. Eine Begegnung am Atlant

Jetzt in der abendstillen Düne, wo die Dämmerung den üppigen Körper des Mädchens grau verflüchtigt zeigte, war es mir, als hätten ihre scheu ausweichenden Augen von ihrem ganzen Körper Besitz genommen, als strebe sie einsamen Selbstgesprächen nach und handle dem Willen ihres üppigen Blutes zuwider und verbreite rings um sich endlose Traurigkeiten.

Raubmenschen (1911) — 1. Eine Begegnung am Atlant

Die junge Dame war im Gesicht wunderbar rosig und weiß zugleich, wie ein Ei, das man vor die Sonne hält. Auch ihre nackten Füße gingen unterm regengrauen Lodenmantel weiß im Sande, leuchtender fast als die weißen Kalkmuscheln, die auf den gelben Sandkristallen blitzend offen lagen.

Raubmenschen (1911) — 1. Eine Begegnung am Atlant

Und trotzdem, je länger ich sie auf die Haarfarbe hin ansah, desto weniger konnte ich mir denken, daß sie mit einer andern, weniger goldenen Farbe so schön gewesen wäre. So heroisch, wie sie jetzt aussah - dazu paßte das auffallende Goldblond, das im grauen Nebel immer noch leuchtete, als wäre es von Hochsommersonne durchtränkt, und das einem mitten auf dem Atlant, sogar mitten in der Regenstimmung, die Freude irdischer Erntetage, den Juli mit goldenem Roggen und senkrechter Sonne und den Oktober mit Rheinwein in schweren Humpen kräftig und großzügig vor die fünf Sinne hinstellte.

Raubmenschen (1911) — 2. Raubmenschen

Und trotzdem, je länger ich sie auf die Haarfarbe hin ansah, desto weniger konnte ich mir denken, daß sie mit einer andern, weniger goldenen Farbe so schön gewesen wäre. So heroisch, wie sie jetzt aussah - dazu paßte das auffallende Goldblond, das im grauen Nebel immer noch leuchtete, als wäre es von Hochsommersonne durchtränkt, und das einem mitten auf dem Atlant, sogar mitten in der Regenstimmung, die Freude irdischer Erntetage, den Juli mit goldenem Roggen und senkrechter Sonne und den Oktober mit Rheinwein in schweren Humpen kräftig und großzügig vor die fünf Sinne hinstellte.

Raubmenschen (1911) — 2. Raubmenschen

Seit ich ihre Hände an meiner Uhrkette gefühlt hatte, konnte ich an diesem Nachmittag stundenlang mit meiner Uhrkette spielen, ohne an etwas Bestimmtes zu denken. Es war mir dann nur, als ob ich nicht mit der Goldkette spielte, sondern mit ein Paar Frauenhänden.

Ich erwachte aus meinem Halbschlummer und wußte, daß ich lebhaft von der Blonden geträumt hatte, aber den Traum selbst konnte ich in meiner Erinnerung nicht festhalten.

Raubmenschen (1911) — 2. Raubmenschen

Die Augenäpfel der blonden Frau hatten einen so milchweißen und irisierenden Schein wie die Opale, halb bläulich, halb grünlich und in der Sonne gelbrosa glitzernd. Mir war das besonders aufgefallen, als wir eben im blutroten Göttersaal gestanden und Tränen in den Frauenaugen geschwommen hatten; da sahen sie wie Opale aus.

Raubmenschen (1911) — 3. Tierra caliente

Da bemerkte ich in einem Wagen zwei sehr erregte Hände in langen schwarzen Handschuhen, die einige weiße Briefe in den Fingern hielten und zerknitterten. Den Kopf der Dame konnte ich unter der schwarzen Spitzenmantille nicht erkennen, aber einige Linien an den Schultern und um die Knie beschrieben mir die junge Mexikanerin.

Raubmenschen (1911) — 4. Der Totenpfad

Ich sah, daß aus ihren Augen Tränen rollten, die wie Silberfiligran über ihren Wangen glitzerten. Sie zog aus der kleinen Brusttasche ihres Reitkostüms ein kleines Taschentuch und weinte. Sie weinte, und ihre Tränen fielen aus dem kleinen zusammengepreßten Tuch, liefen an dem Lederhandschuh an ihrer Hand herab und fielen senkrecht in die Mähne des Goldfuchses. Es war sonderbar anzusehen: eine weinende Reiterin!

Raubmenschen (1911) — 4. Der Totenpfad

Kaum aber schaute ich von der Zeichnung des dunkeln Tales auf und zu dem Popocatepetl und Ixtaccihuatl zurück, da erschrak ich fast. Die weiße Wolke hatte sich wie eine orangerote Lavaglutmasse entzündet, der Himmel war giftgrün geworden, wie ein Grünspankugel leuchtend, die Schlagschatten im Tal wurden indigoblau, und die Krater unten im Tal standen wie blau eingewickelte Zuckerhüte nebeneinander; die Landschaft hatte ein einziger Augenblick verhext. Auf Tausende von Meilen hin waren Farben, orangerot, giftgrün und indigoblau, aufgetaucht. Im Westen spielte die Sonne als ein dreifach farbiger Scheinwerfer und stieß an den Erdrand des schwarzen Hügelwellenlandes, dahinter sie unaufhaltsam hinsank, so daß die Schatten wie schwarze Strahlen plötzlicher Nacht über mich und die Landschaft fuhren, als würde die Nacht ein zweiter Scheinwerfer, der schwarze Strahlen würfe neben der Sonne. Es bewegten sich um mich alle Hügel, Täler wurden zu finstern Ebenen; die nächste Nähe, selbst das Gras zu meinen Füßen, wurde fremdartig, wurde wie von Abgründen erfüllt; es wuchsen Moore von Finsternissen neben langen scharlachnen Lichtgassen auf der Erde, und die Indigobläue verwandelte sich in lila Nebel; die Krater verschwanden - es war, als wandelten die Berge fort -, und eine eisige Kälte strahlt aus den Grasspitzen zu meinen Füßen auf. Alles ging so eilig, so sichtbar und greifbar vor sich, als wäre das Licht hier eine Pulvermasse, die abbrennte, rauchte, lebte und sich verzehrte, wie eine Materie, die überall hier verschiedenfarbig ausgeschüttet wäre und explosiv aufleuchtete und sich verkröche.

Raubmenschen (1911) — 4. Der Totenpfad

Es wurde nicht Nacht. Der Schein des aufgehenden Mondes stand hinter den Sträußen der Palmen, und immer, wenn ich unter eine Palme hinritt, war die Luft darunter warm wie in einem Haus, außerhalb des Bereiches der Palmenkrone aber war die Luft abendkühl. Der Zitronenduft löste sich zudringlicher von den Büschen des Unterholzes. Bald ritt ich durch buschigen Zitronenwald, der grau im Mondschein wie ein Nebel neben mir lag, und atmete so reichen Duft ein, daß mir schwindelig wurde. Der Zitronenduft und der Duft von Orangenblüten erinnerte mich an den Geruch eines Hochzeitskranzes und Hochzeitsstraußes. Wo war die Braut, der dieser Kranz und dieser Strauß gehörten? Das weiße Gesicht des Mondes stieg aus dem Unterholz. Der Mond machte meine kaum genesenden Nerven noch schwindeliger als der Orangenblütenduft.

Raubmenschen (1911) — 4. Der Totenpfad

…und nun erst hätte die Sonne den Schnee so weit geschmolzen, daß ich sie wiederfinden konnte wie eine Schneeglockenblume im Februar in einer aufgestauten Grube. Und wie diese Blüten einen feinen, frischen Honiggeruch haben, so erinnerte mich ihr goldgelbes Haar an Honig und leuchtete in der kleinen weißen Kabine wie Honigtropfen in einer Wachswabe. Der Meerglanz draußen griff mit seinen silbernen Lichtnetzen herein und streichelte die still atmende junge Frau und kam über die Wände der Kabinen wie ein Lichtregen auf sie herab und überrieselte das ganze Gemach…

Raubmenschen (1911) — 5. Die Ozeanwelle

Der Orkan begann jeden Nachmittag um fünf Uhr und tobte bis zum nächsten Morgen um neun Uhr, dann setzte der Sturm aus; aber das Meer kam wie eine weiße Gletscherwelt, eisgrün und weiß beschaumt und granitgrau und marmorschwarz, gleichen langen Marmorbrücken im Mittagnebel gegangen, und der Atlant glich eher den Gebirgsketten einer Schweizer Landschaft als einem flachen Wasser.

Raubmenschen (1911) — 5. Die Ozeanwelle

Sie lag mit dem Kopf an meiner Schulter. Einen Augenblick lag sie still, und ich durfte ihr Haar, ihre Wange, ihre Lippen küssen und streicheln, durfte diese Frau einatmen wie einen einzigen Atemzug. Mit geschlossenen Augen küßte ich mich bis in ihr Herz.

Raubmenschen (1911) — 5. Die Ozeanwelle