Kirchenstille überzog das sanft wogende Meer mit jenem unscharfen Dämmerungslicht, das vor dem Sonnenaufgang in die Nacht sickert und die Schwärze des Erdbodens von jener des Himmels trennt. Gegen das Weltall strebend und wehrend wölbte sich das Himmelsdach über dem Planeten, weiss verstrebt und verstärkt durch Sterne und Sternennebel, bläulich gefärbt von solarem Licht. Im Ozean schwammen Schatten als Antithese, einer davon schwärzer als die vergangene Mitternacht. Eine einzelne schwächliche Sternschnuppe spaltete für einen Augenblick das Gewölbe und liess die Weite des Alls erahnbar machen. Doch noch glomm Schlaf in jenem Augenpaar, das in einem abgedunkelten Hochhauszimmer den weichgelben Lichtern der Hafenstadt entzogen war. Träume brannten langsam aus, Fragment um Fragment zerfiel zu papierner Asche, die in der Hirnrinde bloss eine empfindlich-zarte Spur namenloser Qualia hinterliess.

Der anbrechende Tag verschlang die Nacht, die Sonne hievte sich über den Horizont, und das kristalline Schwarz wich einem stählernen Blau. Augenlider öffneten sich und im Zwielicht hinter geschlossenen Fensterläden waren die maringrünen Iriskränze erst eine Ahnung, die noch nahe am Silbergrauen und Azurblauen lag. Schlanke Finger strichen vereinzelte verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht, ruhten dann einen Moment auf den sommerkühlen Wangen, dann verschränkt auf der Brust, bevor sich der Körper aus dem Bette erhob.

Am Mittmorgen erklangen die Kirchglocken und die silbernen Noten woben über der Stadt ein antinomisches Geflecht, das durch dünne Fenster drang und eine Person aufschreckte, die eilig den Kochherd abschaltete, ein halb-gebratenes Spiegelei auf einen Teller schaufelte, in eine mohnrote Lederjacke und in mondweisse Schuhe schlüpfte, aus der Wohnung hinaus und in den Aufzug hinein trat und kurz darauf das Hochhaus verliess. Kaltes Licht schwappte über ihren Körper, komprimierte ihre Nachtschattenpupillen und schnitt einen scharfen Schatten hinter ihr.

Eine Strassenbahn brachte sie an die Küste. Weiss blendete der Sand, weiss schäumte die Gischt, weiss flatterten die Segel der Boote, die weit draussen auf dem Meer Vergnügungsfahrten unternahmen, die auf dem Weg zu den vorgelagerten Inseln waren, um Boten- und Lieferdienste abzuwickeln, oder die die Fischgründe nach seltener Beute absuchten. Über dem Sand glimmte eine unmorgendliche Wärme und alsbald wurden Schuhe, Socken und Jacke abgestreift und die nun wie Jade schimmernden Augen hinter anthrazitgrauen Sonnenbrillengläsern versteckt. Harte, langbeinige Schritte trugen die Frau an den Meeresrand; sie spürte die Kühle, die der Ozean abstrahlte, auf dem Gesicht, fühlte die Wellen über ihre Füsse schwappen, und sog den glitschig seefruchtigen Salz-Duft durch ihre Lungen.

Der Glockenklang verdunstete allmählich und eine Unruhe schlich sich in die Gesichtsmuskulatur: Der Kiefer war angespannt, die Zunge fuhr immer wieder über die Lippen, der Blick suchte ein Boot, das sich dem Strand näherte, doch fand keines, und hielt darauffolgend nach einem Boot Ausschau, das sich von der Küste in eine Richtung entfernte, die implizierte, dass es kurz zuvor am Strand gewesen sein musste. Nichts. Nur eine anomale Bewegung, die K. plötzlich in den Augenwinkeln erspähte. Minuten vergingen, bevor sie die Ursache der Bewegung fand: Eine schwarze, verschlungene Masse trieb weit draussen auf dem offenen Meer, die quallen- und krakenhaft flirrte, jedoch ungleich grösser sein musste, die aber nur sichtbar war, wenn K. ihren Blick auf einen Punkt leicht daneben fokussierte. Die Luft in ihren Lungen nahm eine schleimige Konsistenz an, das Adergeflecht unter der Haut, die das Wasser berührte, pumpte bathypelagische Kälte in ihre Gliedmassen, ihren Torso, ihren Kopf. Ihre Zunge ahmte unwillkürlich die Bewegungen dieses Organismus nach und liess sie dessen Gestalt erahnen, die halb durch die Wassermassen hindurch schimmerte, und deren Wurzeln in die Tiefsee hinabreichten. Der Puls der Kreatur übertrug sich auf K. und sie erkannte in ihm den Rhythmus der Glocken, die sie wenig zuvor gehört hatte. Ein Schauder brandete über ihre Haut. Durst füllte ihren Mund, doch dann durchbrach ein arrhythmischer Herzschlag die Synchronizität und hinter ihrer Stirn erblühte ihr Wille erneut. Sie liess sich rücklings in den Sand fallen und als sich ihr Blick von der Kreatur löste, spürte sie die Wärme des Sandes in ihren Körper fliessen. Für einen Moment blieb sie liegen, dann schloss sie die Augen, erhob sich mit leicht zittrigen Beinen, begann sich vom Ozean zu entfernen und öffnete die Lider erst wieder, als nach einigen Minuten Gehens am Rand des Strandes der Sand unter ihren Füssen in mit Küstengras bewachsene Erde überging.

Spätabends kam sie nach Hause in eine dunkle, warme Wohnung, warf gewohnheitsmässig einen Blick aus dem Fenster über die Stadt, der unachtsam über die Küste aufs Meer hinaus glitt. Es war ruhig und selbst in der Ferne makellos gewellt. Doch im schwelenden Grün ihrer Augen spiegelte sich ein unsteter Schatten, der ihren Pupillen eine Tiefe verlieh, die nie zuvor in ihnen zu sehen gewesen war.