Der Bach zerrte und riss an ihren nackten Knöcheln, sog die Wärme aus ihren Zehen, gluckste und rauschte. Ihr Blick schweifte über die Landschaft, blieb an einer Gruppe von Zeppelinen hängen, die weit in der Ferne durch die Luft glitten. Ana seufzte und stapfte aus dem Bach. Mit einem alten Lumpen trocknete sie ihre Füsse, zog die Strümpfe über ihre Waden und schlüpfte wieder in die Schuhe. Dann hob sie den Korb mit Heidelbeeren auf und machte sich auf den Rückweg.

Der hohe Klang der Windflöten empfing sie, als sie sich der Landstadt näherte, die aus einer Flanke eines üppig grünen Hügels wucherte. Der Gipfel war kahlgeschoren, abgeflacht und mit schweren Steinplatten bedeckt, so dass sich ein ebener Platz bildete, auf dem ein Luftschiff landen konnte. Enttäuscht stellte sie fest, dass der Platz heute ebenso leer geblieben war wie die Tage zuvor. Als sie das Haus ihrer Familie erreichte, war die Sonne bereits untergegangen und der Himmel hatte sich gräulich orange verfärbt.

“Wie geht es Sibyl?”, fragte sie ihre Grossmutter, die in einem Lehnstuhl neben dem Bette sass, in dem ein blasses, zerbrechliches Kindchen lag.

“Nicht besser und nicht schlechter”, erwiderte diese. “Am Nachmittag hatte sie erneut einen Anfall. Er dauerte nur ein paar Minuten, aber er war ziemlich heftig.”

“Gibt es Neuigkeiten vom Doktor?”

Sie schüttelte den Kopf. Schlohweisse Locken tanzten in der Dunkelheit des engen Raumes.

“Verdammt. Hätte er ein Luftschiff genommen, nachdem er die Nachricht erhalten hat, hätte er bereits vor Tagen hier sein können.”

Aus dem anliegenden Raum erklang ein heiseres Husten. Ana betrat ihn und fragte den alten Mann, der vor einem riesigen Setzkasten sass, in dem dutzende schneeweisser Kokons lagen: “Geht es? Kann ich dir etwas bringen?”

Der Mann verneinte mit einer Handbewegung. “Aber du könntest einen Brief für mich schreiben. Deine Handschrift ist schöner und ich möchte mich beim Doktor beschweren.”

Nachdem die Tinte getrocknet war, nahm er den schmalen Zettel aus dünnem Papier, rollte ihn zusammen und steckte ihn in einen Kokon. “So. Wenn der Doktor zuhause ist, wird er die Nachricht bald bekommen und wir sollten in ein paar Stunden eine Antwort erhalten.” Er lächelte. “Wenn du willst kannst du hier warten. Es hat frischen Apfelkuchen und den ersten Cognac dieses Jahres.”

“Nein, danke. Ich sollte ins Bett. Morgen früh muss ich auf die Ätherfelder.”

(Die Luft, die durchs geöffnete Fenster in das geräumige Zimmer drang, war salzig und roch herb nach Tang. Das Donnern der Brandung gegen die Klippen war in dieser Höhe nur noch schwach zu hören, hatte aber doch einen angenehm beruhigende Wirkung. Ein Klingeln brachte den Mann dazu, das dicke Buch beiseite zu legen und zu einem Setzkasten zu laufen, in dem ein Kokon zitterte und zuckte und über einen dünnen Faden die Glocke läuten liess. Er löste den Kokon vom Faden und brachte ihn zu seinem Arbeitstisch, wo er mit einer Pinzette einen Zettel aus dem Seidengeflecht klaubte. Wortlos las er die Nachricht und warf sie anschliessend ins knisternde Kaminfeuer.)

Bei Tagesanbruch hatte sie das Plateau erreicht. Bald schon glitzerte der Tau in den ersten Sonnenstrahlen. Sie packte ein Stück harten Käse aus einem Wachspapier und ass es hastig. Dann begann sie mit der Ätherernte.

Die Nebelsträucher sogen mit ihrem filigranen und nachtgrauen Geflecht aus Zweigchen und Blättchen den Äther aus der Luft und speicherten ihn in kleinen Knöllchen in Bodennähe ab. Die Sträucher konnten doppelte Mannshöhe erreichen, doch diese hier waren noch jung und reichten ihr kaum bis zur Hüfte. Da ihr Wachstum sehr langsam war, bedeutete dies, dass es noch einige Jahrhunderte dauern würde, bis sie ihre definitive Höhe erreichen würden. Zwar lieferten die jüngeren Pflanzen ein wenig mehr Äther, doch da die älteren Sträucher ihre unteren Äste verloren, während die jungen bereits einige Zentimeter über dem Boden sehr dicht wuchsen, bevorzugten die meisten Ätherarbeiter die ausgewachsenen Sträucher, bei denen die Ernte viel einfacher war.

Ana ächzte und wischte die Finger mit einem in Terpentin getränkten Lappen ab. Sie zuckte zusammen und spülte die Hände sofort mit Wasser nach. Die kühle Flüssigkeit linderte den brennenden Schmerz der winzigen Schnittwunden, die sie sich an den scharfkantigen Blättern geholt hatte. Sie schraubte die Büchse mit den klebrigen Ätherknöllchen zu und riss den Hut vom Kopf. Schweisskrusten rahmten ihr Gesicht, das nun ein leichter Abendwind kühlte. Zwar hatten die Nebelsträucher seit ihrer letzten Ernte weniger neues Äther gebildet, als sie erhofft hatte, aber diese Menge würde vorläufig reichen.

Als sie zum Haus zurückkehrte, bot sich ihr ein absonderlicher Anblick. Auf dem Dach stand Sibyl, reglos und ihr Gesicht dem hoch am Himmel stehenden Mond zugewandt. Ana fluchte und kletterte über die schmale Leiter aufs Dach.

Mit Sibyl über ihre Schulter gelegt, trat sie in die Stube, wo ihre Grossmutter überrascht aufsprang. “Mein Gott, was ist passiert?”, fragte sie.

“Sie war auf dem Dach.”

“Ich dachte, sie schläft in ihrem Bett.”

“Hast du die Fenster und Türen in ihrem Zimmer verriegelt gehabt?”

Sie nickte und antwortete mit spröder Stimme: “Ich glaube schon, ja.”

Ana seufzte. “Wie auch immer. Kannst du sie wieder ins Bett bringen?”

“Ja, ja, natürlich, geh’ du nur heim.”

Die spärlichen Gaslampen in den Strassen flackerten, gaben kaum mehr Licht als der Halbmond. Wie üblich schlug Ana den Weg ein, der direkt über den Hügel zu ihrer Mansardenwohnung führte. Doch als sie sich der Kuppe näherte, sah sie, dass in der Mitte auf dem Platz eine riesige, massige Gestalt stand. Sie machte auf dem Absatz kehrt und lief über Schleichwege zu ihrer Stammtaverne.

“Was zur Hölle tut ein Golem in unserer Stadt?”, fragte sie wutentbrannt den Tafernwirt.

“Ich glaube, er soll das Flugverbot durchsetzen”, erwiderte er, während er ihr nachschenkte.

“Welches Flugverbot?”

“Seit gestern ist der Luftraum für alle ausser das Sicherheitsministerium gesperrt. Hast du denn die Flugblätter nicht gelesen?”

Sie fletschte die Zähne. “Wieso sollte ich die auch lesen? Steht eh meistens nichts Wichtiges drin.”

Er runzelte die Stirn. “Offenbar ist der Mord an jenem Mönch, der auf seiner Pilgerreise eine kurze Rast hier einlegte, der Auslöser gewesen.”

“Wieso? Seit wann kümmert es das Sicherheitsministerium, wenn hier jemand ermordet wird?”

Er senkte seine Stimme. “Man sagt, es sei kein normaler Mord gewesen.”

“Soll heissen?”

“Die Umstände des Mordes seien ziemlich gespenstisch gewesen und der Leichnam habe grauenhaft ausgesehen.”

“Ich glaube, da steckt mehr dahinter. Grässliche Morde hat es hier ja immer schon gegeben. Aber mir liegt es natürlich fern, dem Sicherheitsministerium zu widersprechen.”

“Natürlich. So oder so”, flüsterte er, “kann man die Stadt zu Fuss weiterhin verlassen. Offiziell ist es zwar untersagt, aber sie können die Bauern kaum davon abhalten, ihre Felder zu bestellten.” Sie nickte. “Nicht, dass irgendjemand schnell genug wäre, der ministeriellen Garde zu entfliehen.”

Sie nickte und stand auf. “Danke für die Getränke. Aber ich muss los. Wenn unsere Stadt so gefährlich geworden ist, hätte ich eh schon lange daheim sein sollen.”

“Wenn du nicht raus willst, kannst du auch hier bleiben. Ich habe noch ein paar freie Betten”, bot er ihr an.

Sie lächelte und umarmte ihn. “Danke, aber das ist nicht nötig. Der Mörder wird es kaum auf mich abgesehen haben.”

Mit einem wehmütigen Lächeln schaute er ihr zu, wie sie die Taverne verliess. Der bitterkalte Wind, der für einen Augenblick zur Tür herein blies, liess ihn schaudern.

Schweissgebadet, dehydriert und blass wachte sie auf. Sie kroch aus dem Bett und riss die Fenster auf. Die Dämmerung hatte noch nicht begonnen. Sie zündete eine Kerze an und hielt die unstete Flamme vor die mechanische Uhr, die auf ihrem Schreibtisch stand: Kurz nach vier.

Sie stöhnte und legte sich wieder hin. Die Albträume, die sie geweckt hatten, flackerten hartnäckig vor ihrem inneren Auge.

Minuten später schlüpfte sie in einen Mantel und in schwere Stiefel und verliess die Wohnung. Ein reissender Fluss strömte nahe an der Landstadt vorbei, zu dem es sie nun hin zog. Wie erwartet war nirgends eine Garde zu sehen, die sie hätte aufhalten können. Die Hauptstrassen mochten bewacht sein, aber die schmalen Wege und engen Gassen, die sie gewohnheitsmässig nahm, waren leer.

Sie setzte sich auf einen kleinen Felsbrocken und starrte ins schwarz schimmernde Wasser. Ab und zu huschte ein lumineszenter Fisch nahe an der Oberfläche vorbei und in der Ferne hingen ein paar Irrlichter über einem umgestürzten Baum, der halb in den Fluss hinein ragte.

Flüchtig wunderte sie sich darüber, dass die drei seltsamen Dinge zur gleichen Zeit geschehen waren: Die Krankheit ihrer Schwester, der Mord des Mönches und das Schweigen des Doktors. Doch dieser Gedanke war bald wieder im Mahlstrom ihres Verstandes verschwunden.

Nach einem Frühstück, das aus mit Milch übergossenen Haferflocken und Heidelbeeren bestand, legte sie sich wieder schlafen.

Die Mittagssonne brannte heiss in ihr Zimmer, als sie aufwachte. Ihre Pupillen verengten sich zu kleinen Punkten. Die Strasse unter ihrer Wohnung flirrte. Auf der nahen Kreuzung hatten sich Luft und Hitze zu einem geisterhaften Schatten verdichtet. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen und rannte hinaus. Scheinbar der Schwerkraft folgend driftete die Gestalt langsam die Strasse hinab. Sie begann ihm zu folgen, doch nur kurz später entwickelte er ein Eigenleben und löste sich aus dem eisernen Griff der Naturkräfte. Bald verfiel sie in einen Laufschritt, um mit ihm mithalten zu können, bald musste sie innehalten, um nicht zu nahe an ihn aufzuschliessen und ihn so womöglich zu erschrecken. Er führte sie in Winkel der Stadt, die sie nicht nie gesehen hatte. Sie entdeckte von Blumen überwucherte Schreine und mit verrottendem Unrat gefüllte Gruben.

Überrascht hustete sie, als der Schatten vor dem Haus ihrer Familie anhielt. Seine Ränder kräuselten sich und er dehnte sich explosionsartig aus. Er bewegte sich auf die Tür zu, ein grelles Knistern erklang und der Schatten war verschwunden. Eilig schloss Ana die Tür auf und hastete die Treppe hinauf. Wie üblich für einen Donnerstag war das Haus leer, einzig Sibyl war krankheitsbedingt daheim geblieben. Ruhig und regelmässig atmend schlief sie auf ihrem Bett. Doch über ihrer Brust hing ein Schimmern in der Luft. Ana stürmte zum Bett und griff nach dem Schatten. Dieser schlang sich sogleich um ihren linken Unterarm. Sie zuckte zusammen und zog die Hand zurück, begann sie panisch zu schütteln, als der Schimmer nicht von ihr abliess. Ein jäher Schein leuchtete auf und Ana spürte, wie etwas in ihren Arm drang, wie sich etwas durch die Poren zwängte und in ihren Körper glitschte. Sie unterdrückte einen Schrei, stöhnte bloss, als ein glühender Schmerz durch ihren Arm schoss.

Zitternd trat sie aus Sibyls Zimmer, rannte aus dem Haus und übergab sich. Das Fleisch ihrer Linken drehte und wand sich. Schweisstropfen hatten sich auf ihrer Stirn gebildet. Stille durchdrang die Stadt. In der Ferne waren die schrillen Schreie von Vögeln zu hören. Ana war schwindlig und sie hatte keine Ahnung, was sie nun tun sollte. Wohl gewahr, dass die Zeit drängte, entschloss sie sich kurzerhand, den Tempel aufzusuchen.

Das Hämmern ihrer Schritte auf dem Pflaster hallte in ihren Ohren nach, ihr Herz raste und ihre Lungen brannten. Keuchend lies sie sich neben einen Kirschbaum plumpsen. Das Gras war kühl, doch es pikste in ihren Nacken. Nach ein paar Minuten setzte sie sich auf, blinzelte ein paar Mal, um die Schwindelgefühle zu vertreiben und blickte sich um.

Im Eingang des Tempels, an eine Säule gelehnt, stand ein älterer Mann. Seine Hand ruhte auf einem schweren, knorrigen Stab, der den Eindruck machte, dass er sowohl als Gehhilfe wie auch als Kampfwerkzeug dienen konnte. Er fixierte sie mit kristallin anmutenden Pupillen. Sie lächelte und winkte, doch er zeigte keine Regung. Lautlos fluchend erhob sie sich und schritt auf ihn zu. Plötzlich verengten sich seine Augen und er huschte in den Tempel. Sie folgte ihm.

In einem kahlen Raum angelangt, der sich zum üppigen Garten hin öffnete, wandte er sich einer Frau zu, die reglos auf einer Bambusmatte sass. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr, gab Ana mit einer Handbewegung zu deuten, sie solle hier warten und verliess dann den Raum. Nach einer Weile stand sie auf, kam zu Ana hinüber und packte ihren linken Arm. Sie drehte und inspizierte ihn, dann sagte sie: “Wir könnten den Arm abschneiden.”

“Was?”, erwiderte sie. Ihre Stimme schrill und laut.

“Nun, es ist der sicherste Weg, einen Geist loszuwerden.”

“Aber… ich brauche meinen Arm.”

“Zweifellos”, sagte sie und musterte Ana schelmisch lächelnd. “Aber wenn du den Geist nicht los wirst, wirst du mehr verlieren als bloss den Arm. Und den könnten die Tüftler in der Hauptstadt mit einer pneumatischen Prothese ersetzen, wenn du ihnen einen guten Grund lieferst.”

“Ich bevorzuge meinen eigenen Arm.”

Sie nickte. “Natürlich. Geistern Unterschlupf zu gewähren, ist jedoch seit dem Konzil der nördlichen Städte verboten. Unser Tempel wahrt Stillschweigen, egal was jemand gesteht oder beichtet. Andere Leute sind jedoch mehr als willig, mit dem Ministerium zusammenzuarbeiten.”

“Was soll ich dann tun?”, rief sie.

Sie blickte zur Seite. “Wie du wohl weisst, wird dein Zustand bald zu einigen sehr sichtbaren Symptomen führen. Wenn du den Arm behalten willst, könntest du dann entweder unserem Tempel beitreten oder zu einem Einsiedler werden. Dich so in der Öffentlichkeit zu zeigen, würde ich dir jedenfalls nicht empfehlen.”

Ana trat in den Garten hinaus, brach eine Blüte ab und roch daran. “Kommt nicht in Frage. Ich werde deswegen weder meinen Beruf noch meine Familie aufgeben.” Ihre Stimme wurde leise und sanft. “Auch wenn ich diesen Preis dutzende Male zahlen würde, um meine kleine Schwester vor einem Geist zu retten.”

Die Frau hatte sich mittlerweile wieder auf die Bambusmatte gesetzt. “Es gibt eine weitere Möglichkeit, aber ich kann sie nicht empfehlen.”

“Was für eine Möglichkeit?”

Sie schüttelte den Kopf und schwieg.

Minuten vergingen. Ana war sich dem zuckenden Fleisches ihres Arms schmerzhaft bewusst, als sie fragte: “Was muss ich tun, damit ich eine Antwort erhalte?”

Sie seufzte und erhob sich. “Komm.”

Die beiden gingen in einen anderen Raum, wo die Frau Ana einen Verband um den Arm wickelte. Ana biss die Zähne zusammen, als sie den Verband festzog und Fleisch und Haut gegen den Knochen presste. Bald darauf verliessen sie den Tempel.

Eine Weile später erreichten sie einen kleinen Schrein auf einer Hügelkuppe jenseits des Flusses. Er musste schon vor Jahrzehnten aufgegeben worden sein, denn er war von Ranken überwuchert. Bäume wuchsen so nah und so üppig am Schrein, dass ihn wohl kaum je Tageslicht erreichte und er in ein ewiges Zwielicht gehüllt war. Obszön geformte Kelchblüten verströmten einen penetrant süssen Duft.

Die beiden bekreuzigten sich und betraten den Schrein. Das Innere war feucht und roch nach Schimmel und verrottendem Holz. Die Frau setzte die Beutel und Gefässe ab, die sie mitgenommen hatte und öffnete sie. Dem einen entnahm sie eine glänzende Paste und strich sie aufs Anas Verbände. Ein Gefühl der Taubheit setzte bald ein. Derweil zündete die Frau ein paar Fackeln und Räucherstäbchen an. Dann nahm sie ein brennendes Streichholz und hielt es gegen Anas Arm. Diese sprang sofort zurück, doch der Verband hatte bereits Feuer gefangen. Violette Flammen schossen ihren Arm hoch und sie begann zu schreien. Im selben Moment packte die Frau Ana und drückte sie zu Boden. Ana würgte und wand sich, doch die Hand, die sich um ihren Hals gekrallt hatte, liess nicht locker. Ohne eine Regung zu zeigen, setzte sich die Frau auf Anas Brust und begann, mit einem Kreidestift arkane Symbole um ihren Körper auf den Boden zu zeichnen. Ruhig zog sie die Striche nach, wo Ana sie in ihrem Versuch, sich loszureissen, verschmierte. Ruhig nahm sie die Schläge hin, die ihr Ana mal absichtlich mal unabsichtlich versetzte. Dann zog sie ein schmales Messer aus einer Tasche und ihr Griff wurde noch etwas härter und noch etwas kälter. Sie schnitt in Anas Hand, netzte ihren Finger mit dem Blut und malte damit die Fortsetzung der Kreidezeichen auf ihren Körper. Ana fühlte, wie ihre Glieder schwerer und starrer wurden. Doch gleichzeitig ebbte ihre Panik ab und sie begann zu begreifen, dass das violette Feuer sich nicht auf den Rest ihres Körpers ausgedehnt hatte und ihr Arm trotz der elenden Schmerzen immer noch erstaunlich intakt schien. Mühsam, durch ihre verengte Kehle behindert, atmete sie tief durch. Minuten stillen Malens vergingen, dann zog die Frau ein papiernes Amulett hervor, rollte es zusammen und steckte es in Anas Mund, den sie mit Zwang öffnete. Ana wurde schwarz vor Augen, während sich das Papierstück in ihrem Mund auszudehnen schien. Sekunden später riss sie die Augen wieder auf, ihr Mund war leer und der Druck auf ihrer Brust war weg. Sie hustete und setzte sich auf, beugte und dehnte ihren linken Arm. Der Verband war verschwunden, ebenso die flaumigen Härchen und die äussersten paar Hautschichten. Tief im Innern spürte sie ein brennendes Pochen. Doch ansonsten war der Arm heiler als zuvor.

“Danke”, sagte sie, während sie ihren Hals rieb und mit zittrigen Beinen aufstand.

Die Frau musterte sie. “Geh den Geistern künftig einfach aus dem Weg.”

“Nur so aus Neugier”, fragte sie zögerlich, “was hätte schief gehen können? Oder ist das nicht der Grund, wieso diese Methode nicht empfehlenswert ist?”

“Der Geist hätte versuchen können, zu fliehen, bevor ich ihn ganz binden konnte. Hätte er das getan, hätte er dies vermutlich durch Brust, Hals und Kopf getan. Kurzum: Er hätte sich durch dein Gehirn gebohrt. Dass er durch die Augenhöhlen heraus gedrungen wäre und deine Augen zerfetzt hätte, wäre dabei das geringste Übel gewesen.”

Ana nickte. Dann verliess sie den Schrein.

Es war später Nachmittag, als sie beim Haus ihrer Familie hielt und mit zitternder Hand die Türe öffnete. Sibyl sass auf dem Sofa, die Augen geschlossen. Vor ihr auf dem Tisch stand ein Strauss Wildlbumen in einer Vase. Kaum hatte Ana die Tür hinter sich geschlossen, rannte Sibyl auf sie zu und umarmte sie.