Eine kühle Brise drängte sich gegen ihre Haut. Ihre Lider flatterten für einen Moment. Es war spät im Jahr, doch die Innenstadt summte immer noch ob dem Stimmengewirr hunderter, tausender Menschen. Touristen und Ansässige flanierten im zarten Sonnenlicht eines endenden Septembers und liessen grosszügige Trinkgelder auf den Plastiktischchen liegen, die zahlreich vor Cafés und Bars standen. Ab und an, meist schattiert vom Bambus und Oleander, ein etwas teureres Restaurant mit Mahagonistühlen und schweren Marmortischen.

Sie blickte auf die kupferne Taschenuhr, schüttelte erstaunt den Kopf, zog das Buch etwas näher heran. Blätterte eine Seite weiter. Worte zogen an ihren Augen vorbei: Mises und Hayek. Doch ihre Gedanken schweiften alle paar Minuten wieder ab: Der Duft eines frischen Kaffees, der jemandem serviert wurde. Das Gemurmel der anderen Gäste. Die schwere Süsse des Parfüms, das eine Dame links hinter ihr trug. Die abstrahierten Lotusblumen, die den Paravent zierten, der dieses Café vom benachbarten trennte.

Der Abend senkte sich auf die Metropole herab. Düsterkeit begann den Äther zu fluten. Eine ohrenbetäubende, brütende Stille schwappte von den äusseren in die inneren Viertel. Von einem sporadischen späten Velokurier abgesehen, waren die meisten Strassen leer. Sie hätten beinahe verlassen, verödet gewirkt, wäre da nicht der pulsierende Geruch nach Orchideen und Fungi gewesen, die in verlorenen Gassen und obskuren Winkeln wucherten.

Der Geschmack von Wein und Holzofenpizza verweilte noch auf ihrer Zunge, als sie aus dem Restaurant auf die Bay Street trat. In den Boden eingelassene LEDs hüllten die okkasionellen Zwergpalmen in bizarres, bläuliches Licht. Passanten pendelten zwischen Clubs und verrauchten Spielhallen, bestiegen ab und an eine Schnellbahn oder einen Fahrsteig, um sich die Mühe zu ersparen per pedes ans andere Ende der Stadt zu gehen.

Szenerien flackerten hinter ihren Lidern. Erinnerungen an eine Stadt, die erfüllt war vom Summen und Brummen tausender Motoren und in der sich beim Bäcker der Duft von Brötchen mit dem Geruch nach heissen Abgasen und Motorenöl vermischte. Eine Stadt, die so vivid, so schmutzig körperlich war, dass sie sie heute noch (Jahre, nachdem sie sie verlassen hatte.) heimsuchte.

Ihr Atem ging schwer und rasselnd, Schweiss floss in Strömen über ihren Leib. Ein stummer Schrei drängte zwischen ihren Lippen hervor. Dann erwachte sie. Blinzelte, setzte sich auf.

Der Traum verblasste allmählich zu einem fernen Rauschen. Ihre Hände zitterten, als sie die Fensterflügel aufriss und die glaziale Luft gegen ihre schmerzend heisse Haut prallte.

Licht troff durch die satte Krone einer Platane, Strahlenfächer bildeten orchestrale Muster auf ihrem Lächeln, als ein Fallwind das hellgrüne Laub erzittern liess. Ein dünner Band mit Geschichten von Edgar Allen Poe lag aufgeschlagen auf ihren Knien. Ein ledernes Buchzeichen darin. Sie sass im alten Stadtpark (obwohl zu einer Ära, da ein Grossteil des städtischen Bodens von schwarzer Erde statt Beton und Asphalt bedeckt war, die Differenzierung zwischen ‘Park’ und ‘Strasse’ eine unnötig nostalgische war.), den Rücken gegen den Stamm ebenjener Platane gelehnt. Die Rinde drückte rau und kalt gegen ihre Wirbelsäule, ihre Schulterblätter. Sie fand die Stille in dieser Metropole immer noch irritierend, auch wenn die Momente, da sie mitten in der Nacht schweissgebadet aufwachte (und der Klang ihrer alten Stadt noch in ihren Ohren dröhnte, der Duft von Benzin noch auf ihrer Zunge lag), seltener wurden.

Allmählich gewöhnte sie sich an die merkwürdige Ruhe, die ekstatische Langsamkeit dieser Metropole ohne Automobile (die vor Jahren in einem merkwürdig gelassenen Akt aus der Stadt verbannt wurden.), in der unterirdische S-Bahn-Strecken und durch Krokusfelder und an Springbrunen vorbei führende Rollsteignetze den Transport von Menschen und Waren übernommen hatten. Die mehrspurigen Autostrassen, die die Stadt durchdrungen hatten, wurden aufgegeben und zu öffentlichen Gärten, innerstädtischen Wäldern und Freizeitanlagen umgeformt. Koiteiche konkurrierten nun mit Freiluftkinos um die Aufmerksamkeit der Leute.

Die Luft schmeckte nach Geissblatt und frischen Croissants, als sie später den Boulevard hinab schlenderte, den Blick über die absonderliche Wildnis schweifen liess, die zwischen gläsernen Skyscrapers wucherte, wo sich einst gelbe Taxis und Pizzakuriere auf knatternden Motorrollern auf grauen Asphaltbändern suhlten.