Trockene Worte drifteten durch ihre Ohren. Hyazinthenduft hing in ihrer Nase, verweilte auf ihren Lippen.

Sie blickte hoch, drehte den iPod etwas lauter, um die palavernden und parlierenden homo sapiens auszublenden, die nach ihrem Glück strebten. Manche liefen nur vorbei, nicht einmal einen Blick auf sie werfend. Andere hinterliessen Krümel auf der Bank. Manche stopften – ohne jeglichen Sinn für Ästhetik und Knigge – Kebabs in sich hinein. Andere begegneten ihren Roastbeefsandwichs wie einem fünfgängigen Diner. Die Wartehalle leerte sich, füllte sich, leerte sich wieder. Kontraktionen von rhythmischer Präzision. Im Einklang mit den arrivierenden und wieder abfahrenden Zügen. Stets begleitet vom Quietschen der Bremsen, stets füllte sich der Äther abrupt mit einem Stimmengewirr, wenn sich die die Zugtüren öffneten und sich ein Schwall Pendler und sonstiger Reisenden auf die Perrons ergoss.

Sie kannte die Periodik des Zugsfahrplanes. Hatte den Verkehr seit Stunden schon beobachtet. Stunden, die sie in der stickigen Hitze des gläsernen (und doch schlecht gelüfteten) Wartesaales verbracht hatte. Scheinbar gestrandet, scheinbar ziel- und sinnlose Zeit absitzend.

Das Horn eines Zuges zerriss den Lärm der Bahnhofshalle. Zwei Sekunden später erhob sie sich, zupfte ihr Shirt zurecht und stapfte aus der Warteraum hinaus. Durchschritt rasch die Bahnhofshalle. Zögerte einen Moment, als sie den Eingang erreichte, öffnete dann die Türe und trat unter den bittergrauen Himmel. Mittlerweile hatte es zu regnen begonnen. Tropfen klatschten gegen ihre heisse Stirn. Trieben die Müdigkeit aus ihren Augen. Fahles, gräuliches Licht kroch über ihr Gesicht, liess sie im dumpfen Zwielicht hohlwangig erscheinen.

Sie blinzelte, ein Lächeln schmiegte sich an ihre Mundwinkel. Der Geschmack von Petrichor verharrte auf ihrer Zunge.

Sie schlenderte durch den Regen, die Avenue entlang. Hielt nur kurz inne, um an einem Zeitungskiosk ein paar Marzipankugeln zu kaufen. einen Blick auf die Schlagzeilen zu werfen: 72 Tote bei einem Flugzeugunglück in Schweden Sie zuckte mit den Schultern, mochte sich nicht über den üblichen Lauf der Welt entrüsten. Zu schwer wog ihre eigene Vergangenheit (seit siebzehn Stunden nun schon die letzten drei Wochen zu vergessen versuchend), als dass sie sich mit derartigen ‘Belanglosigkeiten’ beschäftigen wollte.

Der Regen scheuchte die Leute aus den Strassen. Cafés und Restaurants füllten sich mit Passanten ohne Schirm und mit zu wenig Bargeld für ein Taxi.

Sie liess sich treiben von den Launen ihren Beinen und den übrig gebliebenen, durch die Gassen hetzenden Fussgänger. Irgendwo ein Hund, der unbekümmert vom Regen und mit trotzig anmutender Gelassenheit an einem Busch Rosen schnupperte. Sie kauerte sich nieder, streckte ihm eine Marzipankugel hin. Er schnappte die Kugel (eine Sabberspur hinterlassend) und verschlang sie hastig. Wedelte kurz und trottete davon.

Später, nach einem Irrlauf durch die Stadt und einer Tüte Fritten, die sie bei einer schmuddeligen Imbissbude gekauft hatte:

Der Himmel klarte auf. Die zerreissende, einst finstergraue Wolkendecke gab den Blick frei auf endlose Schwärze, gesprenkelt mit Myriaden von Gasbällen, in denen Wasserstoff zu Helium fusioniert und dabei gleissende Energie freigesetzt hatte, die nun nach Jahrmillionen in der Form von profanem Licht durch die Iris des nächtlichen Betrachters fiel.

Ein Seufzen blieb in ihrer Kehle stecken. Sie schloss die Augen, doch hinter ihren Lidern flackerten Erinnerungen auf. Bilder, die zu vergessen, sie in die Anonymität dieser Metropole geflüchtet war. Bilder, die sie nun als Albträume wieder einholten.

Wind hing in Baumkronen, spielte mit dem blassen Licht eines aufgehenden Mondes. Der Duft von Hyazinthen kroch über die feuchte, noch warme Erde.