In der Ferne schlugen die Kirchenglocken Mittag, was wegen dem Strassenlärm und den laut sirrenden Ventilatoren aber kaum hörbar war. Sie gähnte, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Ein paar Minuten später öffnete sie sie wieder, stand auf und griff nach ihrer Tasche. Mit knappem Gruss versuchte sie sich von ihren Bürokollegen zu verabschieden. Etwas Small-Talk folgte, doch sie bekam kaum mit, über was gesprochen wurde. Trotzdem warf sie ein paar Worte in die Runde und ging, sobald das Gespräch verebbt war. Noch bevor die Türe sich hinter ihr wieder geschlossen hatte, hatte sie Kopfhörer aufgesetzt und war in einem Hörbuch versunken.

Ohne etwas zu hören und ohne zu sprechen kaufte sie an einem Imbissstand ein Sandwich, suchte sich eine Sitzbank in der Nähe, die noch frei war und setzte sich an deren Rand. Ihr linkes Bein lag nur halb auf der Bank auf, ihr Rücken war eng gegen die Lehne gepresst. Sorgfältig biss sie von dem Sandwich ab. Nach dem ersten grossen Bissen, der die knusprige Spitze des Demi-Baguettes kappte, war sie stets darauf bedacht, Brot, Kopfsalat, Tomate und Thon gleichzeitig in den Mund zu befördern und dabei keinen Krümel auf ihren schottisch karierten Jupe fallen zu lassen. Absorbiert von diesem Prozess und ihrem Hörbuch bemerkte sie kaum die Spatzen, die erwartungsvoll um ihre Füsse tanzten und die Leute, die sich neben sie auf die Bank setzten. Erst als sie sich nach dem letzten Bissen erhob (genauer gesagt nach dem zweitletzten, denn den letzten ass sie nie, da er bloss noch aus Brot bestand, was zu Beginn des Mahles ganz appetitanregend sein konnte, aber zu wenig geschmacksvoll war, um ein Mahl abzurunden), warf sie sie einen flüchtigen Blick auf die Vögel und Menschen, den ein paar der letzteren hastig erwiderten.

Verschwitzt kam sie am Abend nach Hause. Nachdem sie ihre Schuhe in eine Ecke gestellt und ein Fenster aufgerissen hatte, warf sie sich auf ihr Bett. Für eine Weile blieb sie so liegen. Ihr Gesicht ins kühle Kissen gedrückt. Das Gewicht ihres Körpers begann, Falten in die Kleider zu pressen. Eine kurze Weile später riss sie ihren Kopf hoch und kickte mit den Füssen stakkatoartig gegen die Bettdecke. Eine Unruhe steckte in ihrer Kehle fest, breitete sich bis in die Zehen- und Fingerspitzen aus. Ein mildes Fluchwort glitt von ihren Lippen, dann erhob sie sich vom nun körperwarmen Bett.

Sehnsucht presste von innen gegen ihre Schläfen, als sie das Essen zubereitete, flaute erst ab, als sie einen Dokumentarfilm einschaltete und die beruhigende Stimme von David Attenborough durch die Wohnung hallte. Beim ersten Kameraschwenk aus einem Helikopter über die afrikanische Savanne begann ihr Herz jedoch wieder schneller zu schlagen. Doch in dem Moment kochte die Brühe lautstark und die Ablenkung brachte eine Pause von der Sehnsucht.

Mit der Schüssel Ramen in der Hand setzte sie sich auf die Fensterbank und sah den Katzen zu, die im Hof spielten. Ihr Spiel sah rau aus, anders als sich das Spiel Saint-Saëns anhörte, dessen Karneval der Tiere nun ihre Wohnung füllte. Sie fragte sich jedoch, wieso er kein Stück den Feliden gewidmet hatte. Vielleicht war er wegen unglücklichen Umständen kaum je Katzen begegnet und hatte deswegen lieber ein Stück über Hennen und Hähne geschrieben.

Ihr Herz wurde schwer. Wie so oft, wenn sie Katzen beobachtete, die so völlig eins mit ihrem Körper waren und ihre geschmeidige Körperlichkeit demonstrativ auskosteten. Anders als sie selber, die mit ungelenken Gliedern geschlagen war und ihre Tage sitzend als vergeistigte Existenz verbrachte. Während sich die Katzen genussvoll auf den Pflastersteinen ausstreckten, würde sie ihre Haut aufschürfen, ihre Gelenke würden rasch zu schmerzen beginnen.

Sie fragte sich, ob die Menschen und die Menschenartigen in ihrer Geschichte je gänzlich daheim gewesen waren in ihren Körpern oder ob die evolutionäre Entwicklung des Hirns den Menschen zwangsläufig und unwiderruflich von seinem Körper entfernt hatte. Wäre die menschliche Physis ohne den Verstand nicht lächerlich? Schlaksige und winklige Arme und Beine, die eher an Zitterspinnen erinnerten als an andere Säugetiere.

Sie brachte die Schüssel zum Spülbecken und liess Wasser hinein laufen. Als sie wieder am Fenster stand, murmelte sie den Katzen zu: “Können Menschen je was anderes als Fremde in ihren Körpern sein?” Eine Katze leckte als Erwiderung ihr Vorderbein, die andere zuckte mit den Ohren. Laut krächzend flog eine Drossel vorbei. Ein Windstoss füllt die Luft mit Staub. Er reizte ihre Augen. Sie hustete und schloss das Fenster.

Schlaf kam, wie so oft, zu spät, kurz nach ein Uhr. Schweisstropfen perlten auf ihrer Stirn. Ihr Körper eng eingewickelt in die Bettdecke. Darunter zuckten ihre Glieder, die Schlafstarre nur unvollkommen, katzengleich.