Ihr Lachen erklang, hell wie eine Perlenkette, die reisst, als sie in ihrer frühen Jugend das erste Mal ihre Finger auf Klaviertasten legte und zu spielen begann. Holprig, harsch, schmerzhaft für das geübte Ohr.

Lektion um Lektion wurde sie besser. Ihre Eltern zahlten für wöchentliche, manchmal tägliche Lektionen. Nach ein paar Monaten intensiven Lehrens erhielt der gerade unterrichtende Tutor einen Brief, dessen kalligrafisch perfekt geschriebenen Inhalt ihm mit harschen Worten mitteilte, dass seine Dienste nicht mehr erwünscht seien. Und so ging sie von einem Tutor zum nächsten, bis sie gegen Ende ihrer Jugend, als sie die Ausbildung abbrach, etliche dutzend in Anspruch genommen hatte.

Kurioserweise schien sie dieses Regime wechselnder Lehrer nicht zu stören. Wenn es ums Pianospielen ging, hatte sie die Verbissenheit und die Unbeirrbarkeit einer Autistin. Sie wollte das Spielen erlernen, ihr war egal, ob sie dabei einen oder einhundert Ausbildner hatte. Unbewusst entkleidete, häutete und entbeinte sie diese, bis sie sie nur noch als Fähigkeitenbündel wahrnahm, deren Wert einzig dadurch determiniert wurde, wie gut und rasch sie ihr das Klavierspielen beibringen konnten.

Sich der Zielstrebigkeit ihrer Tochter durchaus bewusst, wechselten die Eltern die Tutoren trotzdem regelmässig aus, um jede emotionale Annäherung im Keim zu ersticken. Die Lehrer waren zwar überrascht und erschüttert darüber, aber insgeheim nicht unfroh. Das Gehalt war zwar gut und ihre Schülerin wissbegierig und behände, doch sie war zugleich eisig und hart wie ein Gletscher. Nicht wenige mussten ein Frösteln unterdrücken, wenn sie neben ihr am Klavier sassen. Einige verbrannten sich die Finger am Eis, als sie versuchten, aus der Lehrer-Schüler-Beziehung eine persönlichere, romantischere zu machen. Und nahezu alle lernten ihr borealisches Schweigen kennen, das auf eine Frage folgte, die nichts mit dem Pianospielen zu tun hatte.

Als ihr drittes Lebensjahrzehnt anbrach, zog sie mit ihrer Familie in ein rustikales Städtchen, das am Rande eines grossen Gebirges lag. Im Rücken der Stadt erhoben sich gefürchig weiss-graue Zacken in den fernen Himmel, vor ihr rollten in samtenes Grün gehüllte Hügel dem Horizont entgegen.

Die Tage verloren sich im Herbst und die sommerliche Trägheit, die sie erfasst hatte, machte einer Unruhe Platz, die sie in den frühen Morgen- und den freien Abendstunden weit hinein in die nahen Wälder trieb. Sie lernte die Düfte des Waldes kennen, die zu jeder Tageszeitung, in jeder Lichtung und bei jedem Wetter andere Nuancen und Obertöne hatten. Die Texturen und Geräusche brannten sich in ihre Gedächtnis. Die Begegnungen mit der Fauna waren eine willkommene Abwechslung zu den harten Stunden, die sie wochentags mit Menschen verbrachte.

Als der Winter näher kam, trieb ein beissend kalter Wind sie zurück in die Stadt. In ein paar Winkeln der Ortschaft war die Architektur und Lage der Häuser dergestalt, dass eine fast permanente Windstille herrschte, die nur während den Gewitterstürmen durchbrochen wurde. Ein solcher Fleck lag neben der gothisch düsteren Kirche, wo sie auf einer Bank in einen dicken Mantel gehüllt lange Stunden verbrachte. Da die Kälte auch ohne Wind in ihre Wangen und Lippen schnitt, begann sie mit der Zeit sich in die Kirche zu schleichen, wenn diese leer war. Anfänglich wärmte sie sich bloss an den Opferkerzen (und war dabei grosszügig mit eigenen Opfergaben) oder betete vor einem Seitenaltar, doch die Präsenz der Orgel, die sie im Sommer entdeckt hatte, als sie mit ihrer Familie Sonnenwendmesse besuchte, weckte ein Kribbeln in ihren Fingern und in ihrem Hirn.

Der Tag kam, ein düsterer und windiger, als ihr Mittagessen einzig aus einem kalten Lachssandwich (das nicht einmal mit Zwiebeln gewürzt war) bestand, an dem sie sich zum ersten Mal auf den Schemel setzte, der vor der Orgel stand und ihre Fingerkuppen über die Klaviatur gleiten liess.

Mit der Zeit fiel ihr ein junger, stets schwarz gekleideter Mann auf, der öfters zur gleichen Zeit wie sie in der Kirche war als andere Besucher und dessen Pupillen jede ihrer Bewegungen verfolgten, obwohl er kniend in ein Gebet versunken schien.

Um Mittwinter war der Wind tiefhängenden schwärzlichen Wolken und Nebelschleiern gewichen, die zart wie Taubenfedern über die schneebedeckten Hügel drapiert waren. Das erste Mal seit langem unternahm sie wieder eine ausgedehnte Wanderung durch die kahlen Wälder. An einem sprudelnden Bache angelangt, lehnte sie sich an eine Esche und packte aus einem Wachspapier ein Stück Käsekuchen aus, das sie mit raschen kleinen Bissen verschlang. Plötzlich hörte sie ein Krachen und Rascheln. Sie liess das Ölpapier fallen und machte ein paar Schritte weg vom Bach in den Wald hinein. Als sie einen dicken Eschenstamm zwischen sich und den vermuteten Ursprung des Geräusches gebracht hatte, hielt sie einen Moment inne, um ihr pochendes Herz zu beruhigen. Als sie einen kurzen Blick hinter der Esche hervor wagte, sah sie nicht die erwartete Wildsau, sondern einen ganz in Schwarz gekleideten Mann, an dem einzig das weisse Kollar herausstach. An der Leine in seiner Hand riss ein sabbernder Bluthund. Instinktiv zog sie sich hinter die Esche zurück und wartete atemlos bis der Wald wieder in Stille versank.

Tags darauf, als sie zum Üben ihres Orgelspiels die Kirche betrat, war sie ebenso weiss gekleidet wie für ihren Waldspaziergang, einzig ihr Rock war eine Handbreit kürzer. Doch als sie den Mann erkannte, der da kniend betete, wünschte sie sich, sie trüge einen Waffenrock. Zorn entzündete ihr Herz und liess ihr Blut sieden. Fingernägel krallten sich in ihre Handballen. Lilienweisse Zähne gruben sich tief in ihre Lippen. Zitternde Muskeln und hastiger Atem brachen die Geschmeidigkeit ihres Gangs. Fahrig legte sie die Finger auf die Tasten und die Füsse auf die Pedale, doch das Spiel brachte ihr keine Ruhe. Bald brach sie es ab, netzte ihre Stirn mit Weihwasser und tauchte in die gletschrige Luft des späten Nachmittags.

Stunden später, die ersten geisterhaften Polarlichter wurden sichtbar, kehrte sie ins Städtchen zurück, ihre Nase kalt und rau, ihre Lippen spröde. Die Laternen brannten warm und orange, legten einen Schleier der Gemütlichkeit über die Häuser und Strassen. Ihr Herz zuckte zusammen, als sie die vertraute Gestalt eines Mannes erkannte, die bewegungslos auf einer Bank unter einer mächtigen Platane verharrte. Einem plötzlichen Impuls folgend setzte sie sich neben sie. Raspelnd fielen unförmige Worte aus ihrem Mund. Die Gestalt rührte sich. Sie räusperte sich.

“Was tun Sie hier, mein Herr?”

Der Mann schüttelte den Kopf. Sie betrachtete ihn, an einem Mundwinkel klebte eingetrocknete rote Flüssigkeit, sein Kollar war schief, doch als seine Pupillen über ihr Gesicht zu huschen begannen, wandte sie den Blick ab.

“Dein Vater hat mich beauftragt, eine Auge auf Dich zu werfen.”

Sie schnaubte. “O Vater”, klagte sie gen Himmel, “wieso tust du mir das bloss an?”

“Nun ja, du bist seine Erbin”, erwiderte er.

Ihr Lachen ertönte trocken. “Zu oft wünsche ich, ich wär’ es nicht.”

“Das ist eine fürchterlich negative Sicht.”

Mittlerweile sass sie neben ihm auf der Bank, ihr Gesicht dem Himmel zugeneigt. “Es ist meine Sicht.” Ihre Stimme hart und bestimmt.

“Viele würden viel geben, um in Deiner Position zu sein.”

“Mag sein, aber ich bin nicht viele.”

“Trotzdem, es handelt sich nicht um ein Erbe, das du ausschlagen kannst.”

“Ich weiss.” Ihre Pupillen verfolgten halbbewusst eine Sternschnuppe. “Ist mein Vater zufrieden mit Ihren Berichten?”

“Ich habe ihn nie danach gefragt, aber ich vermute schon.”

“Was müsste ich tun, damit Sie mich in Ruhe liessen?”

Er erhob sich. “Das würde nichts bringen. Er würde mich einfach ersetzen.”

Sie stand auch auf. “Das meinte ich nicht. Sie können ihm auch Berichte liefern, ohne dass Sie mich observieren.”

Mit langsamen Schritten setzten sich die beiden in Bewegung. “Ich werde mich hüten, dies zu tun.”

“Wären Sie bloss nicht… hätten Sie bloss nicht…” Sie fuhr mit der Zunge über die Lippen. “Ohne Ihr Gelübde…”

Er hustete.

Wortlos liefen sie, bis sie die Anhöhe des Hügels erklommen hatten, der das Städtchen säumte. Unter ihnen breiteten sich die nächtlichen Lichter aus, die Strassenlaternen und die Häuser, deren Bewohner noch nicht zu Bett gegangen waren. Für einen Moment vermeinte sie, in einer Art Überblendung zweier Welten, ein mächtiges Geweih zu sehen, das aus der Stirn ihres Begleiters spross und ein wütendes Gekläff zu hören, das vom Horizont her drang. Sie blinzelte erstaunt und die Trugbilder lösten sich in kalte Luft auf.

“Wir sollten zurück gehen”, sagte er. “Zu dieser Stunde sollte keine Frau wie du draussen sein.”

“Danke, aber ich kann selber auf mich aufpassen.”

“Nicht in dieser Nacht”, erwiderte er nachdenklich und fügte hastig hinzu: “Eigentlich in jeder Nacht nicht. Diese Gegend hier ist nicht sicher.”

Sie bekreuzigte sich. “Ich verstehe nicht, was Sie meinen.”

Er schüttelte den Kopf. “Ist nicht wichtig. Gehen wir einfach heim.”

“Ich habe jetzt keine Lust, zu schlafen.”

“Dann tu halt was anderes! Lies ein Buch, koch dir was zu essen, mach ein Cheminéefeuer…”

Ihre Zunge glitt über die Lippen, hinterliess einen feuchten Schimmer. “Ich wüsste da etwas.”

“Und das wäre?”

Sie legte einen Arm um seine Schultern und brachte ihr Gesicht nah an das seine. “Bringen Sie mich in die Kirche. Ich möchte Orgel spielen.”

“Das ist etwas, was ich wirklich nicht tun sollte.”

“Dann werde ich noch etwas spazieren gehen. Alleine.”

Er nickte. “Ich verstehe. Dann bringe ich dich zur Kirche. Auch wenn das alles andere als proper ist.”

Alleine und leicht fröstelnd stand sie vor der Orgel in einer verriegelten Kirche. Wortlos hatte der Kollarträger sie hierher gebracht und dann die Kirche von aussen verschlossen. Die erhoffte physische Nähe war einer Einsamkeit gewichen, die man nur fühlt, wenn man die dunkelsten Stunden der Nacht vor dem Morgengrauen wach und alleine verbringt. Sie spürte die beklemmende Endlosigkeit des Weltraums: Der Abyss, der sich über ihr (unter ihr?) öffnete. Sie begann der Schwerkraft zu misstrauen, die sie auf der Erde halten sollte, der Atmosphäre, die sie vor der strahlendurchdrungenen Luftleere des Alls schützen sollte. Sie wollte sich irgendwo verkriechen, wie eine Maus zusammenrollen, doch die Erde selbst, mit ihren Kontinentalplatten und himalayischen Gebirgen, kam ihr fragil und verletzlich vor.

Müdigkeit kroch durch ihre Nerven, dämpfte ihre Sinne. Die Orgelmusik, ihre Finger glitten leicht und geschmeidig über die Tasten, drang dumpf und distanziert an ihre Ohren. Sie gähnte und stoppte das Spiel.

Als der Morgen kam (nachdem die Kirchtüre aufgeschlossen worden war und sie den Koffer geholt hatte, der stets gut gepackt in ihrem Zimmer stand), nahm sie den ersten Zug, der in den Norden fuhr. Schneeflocken, klein und hart, stäubten aus einem tumultösen, mit schwarz-grauen Wolken verhangenen Himmel. Sie wandte sich ab vom Fenster, zog ein dünnes Buch über Hermeneutik aus der Manteltasche und begann zu lesen.