Kälte bedeckte ihr Gesicht als dünner Film. Ihr Erwachen war ein Aufbäumen gegen die Ohnmacht des Schlafes, das sie aus einem Traum hinaus in ihr Zimmer warf. Sie griff nach dem Traum, doch er entglitt ihr, noch bevor er mehr als ein vages Gefühl der Unruhe in ihrem Gedächtnis hinterlassen konnte. Fahles Licht filterte durch die Vorhänge hinein. Das Licht von Strassenlampen, wie sie sah, als sie aufgestanden war und die Fensterflügel aufgerissen hatte. Oktoberluft flutete über ihren Körper, bedeckte sie mit Gänsehaut. Backgeruch stieg in ihre Nase und ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus.

Flüchtig fiel ihr Blick auf einen Brief, der auf ihrem Schreibtisch lag. Die strengen schwarzen Buchstaben. Rasch wandte sie sich wieder ab. Ein leichtes Zittern grub sich in ihren kleinen Finger.

Sie schlüpfte in einen schweren Pullover und tapste dann, nur mit diesem und ihren Pyjama-Shorts bekleidet, die Treppe ins Erdgeschoss hinunter. “Hey Jo.”

“Anne, hey.”

Anne liess sich auf einen Stuhl plumpsen und griff nach einem warmen Pain au chocolat.

“Du bist früh auf”, sagte Jo.

“Ich konnte nicht mehr schlafen.”

“An einem Sonntag nach einem derart langen Samstagabend?”

Anne zog eine Augenbraue hoch.

“Ich habe dich gehört, als du nach Hause gekommen bist”, erklärte Jo.

Anne kaute wortlos einen Bissen Pain au chocolat. Dann stand sie auf, umarmte Jo kurz, nahm sich ein Croissant und ging zur Tür hinaus. Der Boden war kalt unter ihren nackten Sohlen und sie zog rasch ein Paar Turnschuhe über. Dann trat sie auf den Rasen hinaus.

Orion strahlte in kaltem Weiss über dem Horizont. Der Wind zerrte störrisch an ihren Haaren. Ihr Atem stockte für einen Moment. Dann begann sie zu rennen.

Ihre Schritte klangen dumpf und hohl auf dem Asphalt der leeren Strasse. Kälte kroch ihre Schenkel hoch. Muskeln zerrten an ihren Knochen, Sehnen sangen in ihrem Fleisch. Ihre Gedanken kehrten rasch zum Brief zurück. Die kantigen Buchstaben hatten sich in ihr Hirn gebrannt.

Eine halbe Stunde später gleisste Orion nicht mehr so grell, der Himmel war eine Spur heller geworden und der östliche Horizont hatte sich zu färben begonnen. Die schwarzen Wasser des Sees reflektierten den Sternenglanz nur schwach. Zu unruhig waren sie. Aufgeraut von einem merkwürdig warmen Wind. Anne kam am Ufer zum Stillstand. Sie keuchte. Ihre Lungen blähten sich und drückten schmerzhaft gegen ihre Brust. Ihre Augen schweiften über die Wellenkämme, blieben an einem Licht hängen, das am fernen Ufer zu kauern schien. Schmerzvoll verkrampften sich ihre Herzmuskeln. Das Licht befand sich an jener Stelle, wo das Haus des Briefschreibers liegen würde. Es flimmerte einem Irrlicht gleich. Sie fluchte und kickte einen Stein ins Wasser. Er machte ein kleineres Geräusch als dies in der Stille der Nacht hätte der Fall sein sollen. Ihre Hand griff nach dem Mobiltelefon und wählte eine Nummer. Sie erschrak, als sich eine Weile später eine raue Stimme meldete. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ihr Bewusstsein ihren Körper eingeholt hatte. Dann fragte sie: “Bist du noch wach?”

“Wieder.”

“Warum hast du mir diesen Brief geschrieben?”

Er klang verwundert: “Ich dachte, es würde sich geziemen, dich zu informieren.”

“Wieso?”

“Wir haben unsere Jugend zusammen verbracht.”

“Aber wir haben uns seit Jahren nicht mehr gesehen.”

“Das löscht die Jahre davor nicht aus.”

Ihre Stimme knarzte: “Hast du ernsthaft gedacht, dass ich wissen will, dass du-”

“Ja”, schnitt er sie ab.

Sie klang sanfter: “Du Narr. Wieso kannst du mich nicht einfach alleine lassen?”

“Weil ich all diese Jahre nicht einfach leugnen kann.”

Sie schwieg.

“Ich verstehe deine Aufregung nicht. Wenn ich dir nichts mehr bedeute, dann sollte es dir einerlei sein, ob ich hier bleibe oder nach Japan gehe, um mich für die Triton-Mission zu bewerben.”

“Aber wenn sie dich nehmen, dann werde ich dich vielleicht nie mehr sehen.”

“Ich hoffe schon, dich wiederzusehen, wenn ich wieder zurück bin.”

Sie nagte an der Unterlippe. “Wenn.”

“Ich will diese Chance einfach nicht verpassen.”

“Auch wenn du mich nie wieder siehst.”

Eissplitter hatten sich in seine Stimme geschlichen: “Ich dachte, ich hätte dich schon lange verloren.”

“Das dachte ich auch”, sagte sie. Ihr Atem dampfte weiss aus ihrem Mund.

“Es tut mir leid, aber ich kann diese Entscheidung nicht mehr rückgängig machen.”

Stille. Der Morgen graute und trieb Blautöne in den Himmel.

“Komm doch mit”, schlug er halblaut vor.

“Ja”, antwortete sie kaum hörbar und unterbrach die Verbindung.

Orion war fahl geworden. Alte Photonen, an denen noch die unendliche Leere des Weltalls haftete, leuchteten in ihren Augen.