Sie schob die Marzipankugel in den Mund. Der kalte Mandelgeschmack dehnte sich explosionsartig zwischen Zunge und Gaumen aus. Ein minores Keuchen enthuschte ihren Lippen (sie: Schockiert von der brachialen Süsse des Marzipans. ich: Fasziniert vom Bogen ihrer Wangenknochen.)

Der Kühlschrank schloss mit einem ächzenden Klacken. Sie lehnte ihre Stirn für einen Augenblick gegen den kühlen Kunststoff. Das Surren und Rattern und Rattern der Kompressoren und Pumpen schlich sich in ihre Oberschenkel. Muskeln zuckten unter seidig zarter Haut.

Rot leuchteten die Ziffern auf dem Display des kleinen Küchenradios. 7:45. Der Schweiss der letzten Nacht klebte kalt und schleimig auf ihrer Haut. Schmeckte salzig neben den Resten von Vodka und Zigarettenrauch. Sie rieb sich die Augen. Die krümeligen Überbleibsel dünner dreieinhalb Stunden Schlaf in den Winkeln. (Der schrille Diebstahlalarm eines Autos hatte sie aus dem Schlummer gerissen. Die Präsenz der Träume war derart intensiv gewesen, dass sich umzudrehen und die Augen wieder zuzuschlagen, keine Option hatte darstellen können.) Sie fuhr mit den Fingern über ihre Halsgrube, das Schlüsselbein, ging dann tiefer. Seufzte auf, als sie kein geronnenes Blut, kein kauterisiertes Gewebe ertastete.

Ein Zischen, als sie eine Dose Redbull öffnete, sie an die Lippen setzte, die Büchse kippte, dann innehielt, sich an etwa zu erinnern schien (Die Härchen in ihrem Nacken aufgerichtet. Peinvolle Gänsehaut.), die Dose dann ungetrunken in den Mülleimer fallen liess. Schliesslich den Radio anschaltete, die Lautstärke hochdrehte. (Irgendeine Talkshow. Fragen zu Hunter S. Thompson und Suburbs. Irgendein Anglizist und ein Soziologe in einer langatmigen Debatte versunken. - Das Gespräch tat seinen Dienst. Seine blatante Banalität lenkte von rostroten Spritzern auf Armanihemden ab.)

Schlüpfte dann in die Dusche. Ihrem eigenen Atmen nicht ganz trauernd. Immer wieder pausierend, um nach fremden Geräuschen zu horchen: Das leise Knarren von Dielen. Das Klirren eines Passepartouts. Nichts. Lediglich ihr eigener heiserer Atem, das Schwappen und Glucksen des (zu heissen) Duschwassers, in der Ferne ein paar Drosselschreie. Unbestimmte Zeit später: Sie stöhnte zögerlich (wie um die Blaumeisen nicht von den Birkenzweigen vor dem Badezimmerfenster zu vertreiben), als sie die nun gerötete Haut trocken rieb. Das Frottiertuch taubengrau mit einem lila Logoprint. (Es erinnerte mich an einen Novembernachmittag, die Stadt ebenso öd und grau wie der wolkenverhangene Himmel. Das lila Faltenröckchen jenes Mädchens der einzige Farbtupfer in den Strassen. Bloss ihre Nase von überraschender Grobheit.)

Schloss die Türe hinter sich, ihre Nase kräuselte sich, als der Geruch von frisch geschnittenem Rasen und chlortriefenden Pools gegen ihre Riechzellen prasselte.

Der Wechsel von Asphalt und Pflastersteinen unter ihren beschuhten Füssen. Kühle Morgenhitze flirrte zwischen Boutiquen und adretten Cafés. Leute mit Stil und Klasse mischten sich unter Durchschnittsbürger und Obdachlose, pendelten zwischen Parks, Ubahnschächten und Shopping Malls.

Die Tempelgegend war nahe. Weite Kronendächer (Kiefern, Blutahorn, Trauerweiden) kontrastieren Pagoden und Schreine. Schliesslich: Chrysanthemen und Bambus. Die metaphyische Endlosigkeit der Landschaft eingerahmt von den scharfen Silhouetten markanter Wolkenkratzer. Wenigstens der Lärm des sich schon wieder stauenden Verkehrs ein wenig gedämpft.

Sie musste die Augen schliessen, als sie über den weissen Marmor huschte, der einen langgezogenen Platz bedeckte, in dessen Mitte sich Kois in einem glasklaren Teich tummelten. Zu grell die Sonne, zu müde ihre Augen.

Murmelte eine Entschuldigung, als sie in jemanden hineinlief. Den Blick gesenkt, nicht auf ihr Gegenüber achtend, wollte sie weiter eilen. War dann überrascht, als sich Finger in den Ärmel ihrer Bluse krallten. Wandte sich hastig um. Blickte in das ausdruckslose Gesicht eines Mönches. Sein geschorenes Haupt glänzte matt. Safrangelbe Tücher wanden sich um seinen Leib. Sie wunderte sich einen Augenblick lang darüber, keine Schweisstropfen auf seiner Stirn zu entdecken, bevor ihr Blick dann auf den Schirm fiel, der seinen Oberkörper in tiefe Schatten hüllte. Dazu: Ein Fächer lose in den Gürtel gesteckt.

Seine rechte Hand hielt eine kleine Statuette umklammert, die er ihr nun entgegen streckte. Sie runzelte die Stirn. Leckte sich über die Lippen, begann eine Frage zu formen, wurde dann unterbrochen. Die Hand des Mönchs ruhte schwer auf ihrer Schulter. Jäh wurde sie sich ihrer Freizügigkeit bewusst. Sie taumelte ein paar Schritte zurück, ein Schweisstropfen rannte ihr Schlüsselbein entlang, sie blinzelte, versuchte, ihre Augen zu fokussieren, sah nur Schemen. Schliesslich kühle, barmherzige Dunkelheit.

Hitze brannte sich durch ihre Shorts in die Haut, doch der Schmerz war dumpf und schmierig. Sie setzte sich auf. Blinzelte den letzten Rest Übelkeit weg. Der Platz war leer. Irgendwo verhallten Schritte. Vor ihr die Statuette. Sie griff nach ihr, schob sie in ihre Handtasche und hastete davon. Minuten später legte sich ihre Gänsehaut.

Sie bohrte die Zehen in den kühlen Rasen, der schattiert von äonenalten Platanen. Die Statuette fühlte sich rau unter ihren Fingern an. Kaum höher als eine Handspanne; eine aus Speckstein geschlagene Miniatur einer Hündin. Die Frage, was der Mönch beabsichtigt hatte, hing immer noch luzid in ihrem Hirn. Sein wortloses Auftauchen war ebenso mysteriös gewesen wie sein abruptes Verschwinden (das sie mangels Wachsein nicht mitbekommen hatte).

Der Äther hatte mittlerweile einen arachnoiden Glanz angenommen. Ein stählernes Blau mit einer Spur Rostrot. Die Sonne von einem öligen Weiss, das langsam vom Himmel troff und Lachen im saftig grünen Gras bildete.

Sie erhob sich, zupfte ihr Shirt zurecht und schlenderte zu einem Eissalon. Das Klingeln der Tür schallte derart angenehm in ihren Ohren, dass sie – nachdem sie ein paar Münzen in der Diele liegen gelassen hatte – sich mit einem Becher Ben & Jerry’s auf eine Bank vor dem schmucken, weiss getünchten Hüttchen setzte. Sie streichelte gedankenverloren die Hündin, während sie die Glacé löffelte. Endorphine trieben durch ihren Leib und hüllten ihr Hirn in wattige Wohligkeit.

Schmerz zuckte durch ihre Hand, eine Blutspur zeichnete sich dort ab, wo sich die Kanten der Statuette in ihre Haut geschnitten hatten. Sekunden später brandete Entrüstung durch ihren Hirnstamm, als sie begriff, dass jemand ihr die Miniatur aus der Hand gerissen hatte.

Eine schmale Gestalt sprintete den Boulevard hinunter. Sie sprang auf und setzte der zwischen Flaneuren und Amoureusen verschwindenden Silhouette nach.

Ein Schuss zerriss die heisse, einzig von Flüsterworten und ihrem keuchenden Atem durchbrochenen Stille. Dann sechs weitere.

Sie hielt in ihrem Spurt inne, stolperte, fing sich wieder. Sah sich um, erblickte nur fahle Gesichter und ein paar Wolken, die sich am Himmel bauschten. Tappte dann zögerlich weiter. Dumpfe Angst brannte in ihrer Magengrube.

Ihre Statuette. Ein Faden Blut zog sich über die Schnauze ihrer Hündin. Daneben ein unbewegter Leib. Einschusslöcher in Schädel und Brust. Blaue Venen schlängelten sich unter gelblicher Haut. Blutunterlaufene Augen. Schmutzränder unter seinen Nägeln und an seinem Hemdkragen. Sie sah auf. Blickte in eine schlecht rasierte Visage. Ein Zigarrenstummel hing auf seiner Unterlippe. Ein Mundwinkel verzog sich, ansonsten blieb sein Gesicht reglos. Ein Colt in seiner Hand.

Ab und an kontrastierte ein Hüsteln die ohrenbetäubende Stille, der Geruch von gebratenen Zwiebeln und Würsten wehte von irgendwo her. Ein paar erste Regentropfen klatschten gegen ihre Stirn, wirbelten Petrichor auf und kündeten von einem nahenden Gewitterschauer.

Der Mann mit dem Colt blieb unbeweglich stehen. Sein Gesicht steinern.

Mit zitternden Fingern griff sie nach der Statuette, presste sie kurz gegen ihre Lippen (wie um sich zu vergewissern, dass sie wirklich und nicht nur Illusion ist), wandte sich dann ab. Nasse Schlieren trieben vor ihren Augen, Rotz füllte ihre Nase. Sie stapfte einen sandigen Weg entlang. Nicht bemerkend, wohin sie lief. Die Passanten ebenso ignorierend. Stolperte schliesslich eine Böschung hinauf. Stürzte. Schlug hart auf dürrem Rasen auf. Keuchte kurz auf. Dann: Ihre Gedanken verloren sich in einem Labyrinth aus Erinnerungen und Albträumen. Fiebrige Halluzinationen bebten unter ihrer Stirn. Ihre Augen glänzten. Das Grün ihrer Iris blass und stumpf.

Ein Blitz zuckte über den nachtschwarzen Himmel, erhellte die fetten, regentrunkenen Bäuche der Gewitterwolken für einen Moment. Wind wirbelte Staub, kleine Äste, Grashalme durch die Luft. Der Äther war kühl und roch nach stählerner Elektrizität, erkaltetem Schweiss. Der ionenharte Duft verweilte auf ihrer Zunge, schmiegte sich an ihre pochenden Zähne. Ihre Gedanken klarten auf. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie der Statuette gewahr wurde, deren Schnauze sich in ihren Rücken bohrte.