Sie hielt eine Büchse Bier in der einen Hand, ein schmales Büchlein in der andern. Er schaute ihr zu, als er am Pavillon vorbei lief. Sie sah ihn nicht, oder tat wenigstens so. Jedenfalls hob sie ihren Blick nicht von dem Büchlein hoch.

Regen fiel in Schlieren vom Himmel, Wind peitschte ihn über den Teich, der an den Pavillon grenzte. Ein dumpfes Grollen in der Ferne, ab und zu der fahl gelbe Schein eines Blitzes. Der Schirm bewegte sich in seiner Hand, wurde von Wind und Regen bald in diese, bald in jene Richtung gedrückt. Die Hosen waren bereits bis zu den Knien nass. Seine Schuhe hatten den Wassermassen bisher stand gehalten. Aber er zählte nicht darauf, dass sie dies noch lange tun würden.

Er fragte sich, wieso eine junge, hübsche Frau wie sie am einem regnerischen frühen Sonntagmorgen im Park Bier trank. Doch die Papiertüte mit den warmen Croissants wog schwer in seiner Hand und er hatte keine Zeit, hier länger zu verweilen.

Am Abend liess der Regen nach und die Sonne färbte die Wolkenränder rot-orange. Da er wusste, wie schnell das Wetter hier umschlagen konnte, nahm er trotzdem einen Regenschirm mit, als er die Wohnung für einen abendlichen Spaziergang verliess. Die Erinnerung an die morgendliche Begegnung hatte ihn den ganzen Tag wieder heimgesucht. Er hätte bereits früher versucht, sie durch körperliche Betätigung zu vertreiben, doch der Regen war derart hartnäckig gefallen, dass er sich bloss ab und zu ans Fenster gesetzt hatte und melancholisch ins grau fallende Wasser geblickt hatte.

Sein Spaziergang brachte ihn nach einer Weile zum Pavillon. Die Frau war nicht mehr dort. Das hastige Pochen seines Herzens sagte ihm jedoch, dass er gehofft hatte, dass sie sich immer noch im Pavillon befand. Seufzend setzte er sich. Gänsehaut überzog seine nackten Unterarme. Ein finsterer Wind hatte sich in den Abend geschlichen.

Plötzlich fiel sein Blick auf eine leere Bierdose, die unter einer Bank lag. Sie sah aus wie jene, aus der die Frau am Morgen getrunken hatte. Aber es war auch möglich, dass sie schon länger dort lag. Die Dose liess das Abbild der Frau in seinem Gedächtnis wieder an die Oberfläche treiben. Ihre sehnsüchtige Körperhaltung, in der er sich selber wiedererkannte, die er aber kaum je bei jemand anderem beobachtet hatte. Er hob den Kopf. Feiner Niesel kräuselte den Teich. Doch in der Ferne waren die Wolken immer noch rötlich gefärbt.

Als er aufstand, griff er nach der Dose, um sie später in einen Mülleimer zu werfen. Den Schirm spannte er nicht auf. Wenn der Regen seinen erhitzten Körper abkühlte, war das umso besser und die Kleider konnte er über Nacht trocknen lassen.

Nervosität rumorte in seinen Gedärmen, schwappte wie heisses Blei in seinem Magen. Er stoppte bei den Lilien, um an ihnen zu riechen. Doch die Unruhe, mit der die Sehnsucht seinen Körper getränkt hatte, bewegte seine Füsse nur wenig später zum Weitergehen.

Es schien Zufall zu sein, als er die Frau eine Woche später zur gleichen Zeit am gleichen Ort wieder sah. Er folgte seiner Sonntagmorgenroutine schliesslich schon seit Monaten und war ihr nie zuvor begegnet. Allerdings war der letzte Sonntag der erste Tag der Regenzeit gewesen und vielleicht ging sie nur dann in den Park. Mit zittrigen Beinen stieg er die zwei Tritte in den Pavillon hoch. Sie blickte von ihrem Büchlein hoch. Ihm kam ein knappes Grusswort über die Lippen. Sie nickte bloss. Er setzte sich in die gegenüber liegende Ecke des Pavillons. Sie las weiter.

Das Rascheln seiner Papiertüte liess sie das Büchlein zuklappen. Ein Finger markierte die Stelle, an der sie zu lesen aufgehört hatte. Sie nahm einen langsamen Schluck Bier. Studierte ihn. Er hielt ihr die offene Tüte hin. Sie blickte hinein, schüttelte den Kopf und trank einen weiteren Schluck. Er zuckte mit den Schultern und biss in ein Croissant, das in der regengetränkten Luft bereits ausgekühlt war. Er schmeckte den luftigen und buttrigen Teig kaum, versuchte, sich auf das Trommeln des Regens auf dem Pavillondach zu konzentrieren, aber das misslang ihm. Seine Konzentration wie auch seine Pupillen schweiften immer wieder ab zu der Frau.

Mit einer geschmeidigen Bewegung stellte sie die Dose unter die Bank und erhob sich. Sie rückte den Kragen ihrer Bluse kurz zurecht, wandte sich ihm zu und verabschiedete sich mit einer leichten Beugung ihres Oberkörpers und ihres Kopfes. Worte wucherten in seiner Kehle, schlugen Blasen und krallten sich in seine Zunge. Doch erst als ihre Schritte auf den nassen Steinplatten bereits verhallt waren, vermochte er die Worte auszustossen. Sie verhallten ungehört im Regen und seine Anspannung fiel von ihm ab. Klamme Einsamkeit schwappte über ihn. Er fühlte sich entfremdet von den spärlichen Leuten im Park und den Massen, die sich hinter Beton und Glas vor der Witterung versteckten. Und hätte er sich in ein Menschengetümmel gestürzt, wie er das früher oft getan hatte, wäre ihm die Einsamkeit bloss noch bewusster geworden.

Eine Libelle flog surrend in den Pavillon. Sie drehte eine Spirale und liess sich dann auf einer Armlehne nieder. Er betrachtete ihren grün glänzenden Panzer, ihre stummen Facettenaugen, die von Zeit zu Zeit vibrierenden Flügel. Nach einer Weile streckte er die Hand nach ihr aus. Mit einem Brummen stob sie auf und huschte in den Regen hinaus. Er seufzte und schüttelte den Kopf. Dann stand er auf und trat aus dem Pavillon hinaus. Die Bierdose liess er liegen.