Marcus hustete, als er aus der Tür trat und die kalte Morgenluft einatmete. Graspollen tanzten im Wind. Er hielt einen Moment inne, dann lief er schnellen Schrittes zum Briefkasten und zog die Post heraus. Wieder drinnen, legte er die Briefe und Zeitungen auf den hölzernen Küchentisch. Ein kurioser Umschlag hatte seinen Blick erhascht. Er war dick und schwer und sein Name war mit roter Tinte und in verschnörkelter Handschrift darauf geschrieben. Marcus riss ihn auf und schüttete den Inhalt auf den Tisch. Ein Wust zusammengefalteter, beschriebener Blätter, sowie ein in Zeitungspapier eingewickelter Gegenstand kamen zum Vorschein. Vorsichtig packte er das Objekt aus. Es war ein abgenutzter Dolch. So wie er aussah, hatte er nie zur Zierde gedient, sondern war als Werkzeug konzipiert worden. Marcus stutzte als er den Dolch sah. Er kannte niemandem, der ihm ein solches Geschenk machen würde. Und jedem, der je eine seiner Messen besucht hatte, müsste auch bewusst sein, dass ihm Waffen samt und sonder zuwider waren. Und trotzdem hatte ihm jemand eine zugesandt. Sein Magen war flau geworden. War das bloss ein schlechter Scherz oder steckten sinisterere Motive dahinter?

Seine Hände zitterten leicht, als er die Blätter auseinander faltete. Sie waren eng und dicht beschriftet. Doch nur mit Zahlen und griechischen, sowie ihm noch unbekannteren, Symbolen. Kein einziges deutsches Wort fand sich darauf, das irgendeinen Aufschluss darüber hätte geben können, was der Dolch zu bedeuten hatte. Er stand kurz davor, aus Ärger Blätter und Dolch in den Müll zu werfen, als ihm einfiel, dass Dorfpolizist Pépin es ihm übel nehmen würde, wenn er ihm vom Brief erzählen würde, aber gestehen müsste, dass er ihn bereits weggeworfen hatte. Für einen Moment dachte er daran, einfach nie jemandem davon zu erzählen, aber er wollte sich nicht darauf verlassen, dass ihm nie ein Wort rausrutschen würde. So seufzte er und legte Dolch und Blätter in das Couvert zurück.

Am Abend nahm er seinen Hut, schloss die Haustüre ab und schlenderte die Strasse hinab. Vor einem gedrungenen Häuschen hielt er an und durchquerte den wilden Garten, dem trotz der mangelnden Pflege eine natürliche Ordnung inne lag. Allerlei duftende Pflanzen wucherten darin. Wie so oft beugte sich Marcus mal hierhin, mal dorthin, um an diversen Blüten und Blättchen zu schnuppern. Dann kam er vor der Türe zu stehen und liess den schweren Klopfer ein paar Mal gegen den Metallbeschlag fallen.

Ein gepflegter Herr trat heraus. “Guten Abend, Marcus”, sagte dieser. “Was bringt denn dich hierher?”

“Guten Abend, Pépin”, antwortete er. Nach einer Pause fügte er hinzu: “Nun, ich komme in einer beruflichen Angelegenheit.”

“Ach? Aber du weisst doch, dass mir das Geistliche nicht so liegt.”

“Ja, ja. Ich meinte deinen Beruf.”

Pépin stutzte und liess seine Mundwinkel fallen. “Was ist denn geschehen? Muss ich sofort los?”

“Nein, nein”, winkte Marcus ab. “Es ist nichts Dringendes und vielleicht ist es überhaupt gar Nichts.”

“Dann komm doch rein”, sagte Pépin und trat beiseite. “Sowas bespricht man nicht zwischen Tür und Angel.”

“Danke”, erwiderte Marcus und trat ein.

Nachdem Marcus erklärt hatte, was vorgefallen war und Pépin den Brief und den Dolch gezeigt hatte, nahm Pépin einen tiefen Schluck Cognac und schwieg eine Weile.

“Das ist alles ganz rätselhaft”, sagte er schliesslich. “Ich weiss jetzt gerade auch nicht, was ich tun könnte.”

“Ja, ja, das ist halt schon so.”

Er kratzte sich am Kopf, trank noch einen Schluck und sprach dann langsam: “Der Sohn meines Nachbarn.”

“Ja?”

“Der mag Zahlen. Etwas zu sehr, wenn du mich fragst, aber wenn sich einer einen Reim aus diesem Brief machen kann, dann er.”

Er stiess auf. “Wollen wir gleich zu ihm?”

“Ach, nein. Das ist zu spät jetzt. Wir gehen morgen früh nach der Messe.”

“Auch gut.” Er räusperte sich. “Dann lasse ich dich jetzt. Danke für die kleine Stärkung.”

Am nächsten Morgen standen sie vor einer Holztüre, in die kleine Blumen geschnitzt worden waren. Pépin klopfte. Eine Frau öffnete und blickte sie skeptisch an. “Guten Morgen.”

“Ja, guten Morgen”, erwiderte Pépin. “Wir möchten gerne mit Armin sprechen.”

Wortlos wandte sie sich um und verschwand wieder im Haus.

Etwas später erschien ein junger Mann, der einen Effort geleistet hatte, sich in Hemd und Hose zu kleiden, dem die korrekte Verwendung dieser Kleidungsstücke aber nicht ganz klar gewesen war.

“Armin”, sagte er. “Hallo.”

Nach einer kurzen Begrüssung liessen sich die beiden Besucher hinter das Haus zu einer Terrasse führen, wo sich setzten und, nachdem sie mit Getränken versorgt worden waren, Armin erklärten, was geschehen war und wieso sie zu ihm gekommen waren.

“Ich weiss nicht”, sagte Armin, nach dem er die Blätter studiert hatte. “Das könnte vieles sein.” Dann schwieg er und blickte zur Seite, wo ein üppiger Flieder eine Hundertschar Insekten angelockt hatte.

“Aber was könnte es denn beispielsweise sein?”, fragte Marcus.

“Könnte es eine Drohung sein?”, warf Pépin ein, noch bevor Armin hatte antworten können.

Dessen Augen weiteten sich. Er zog die Knie bis unters Kinn und schlang seine Arme um die Beine. “Wieso eine Drohung?”

“Wegen dem Dolch!”

“Wenn man Dolche mag, ist das doch ein schönes Geschenk”, wandte Armin ein.

“Aber ich mag doch keine Dolche!”, rief Marcus.

“Dann ist es ein schlechtes Geschenk.”

“Lassen wir das mit dem Dolch”, sagte Pépin ungeduldig. “Was kannst du uns über den Brief erzählen?”

“Ich weiss nicht, was es ist.”

Pépin schaute ihn entgeistert an. “Du bist doch ein Zahlengenie.”

Armin beobachtete ein Schmetterlingspärchen, das Kapriolen flog. “Die Zahlen machen keinen Sinn.”

“Wieso nicht?”

“Sie sind wie zufällig dahingestreut.”

“Wir dachten, es sei eine Botschaft.”

“Ja, das kann es schon sein. Eine kryptographisch verschlüsselte Botschaft allerdings. Ich weiss nicht, ob ich sie entschlüsseln kann.”

“Können wir dir dabei helfen?”

Armin zuckte mit den Schultern.

Marcus erhob sich. “Wir lassen dir den Brief einfach da und kommen in ein paar Tagen wieder vorbei.”

Die Kirche lag etwas versteckt hinter einem kleinen Eichenhain. Ein breiter Fussweg schlängelte sich von der Strasse bis zu den Türflügeln der Kirche. Auf halber Strecke stand ein kunstvolles, gusseisernes Kreuz. Marcus Blick streifte es kurz, als er daran vorbei lief und blieb dann an etwas hängen, das darunter lag. Marcus trat näher und beugte sich nieder. Es war ein Distelfink. Er lag zerfetzt auf der Erde. Marcus bekreuzigte sich. Ein Grauen hatte ihn gepackt. Er hatte schon viele Kadaver gesehen, getötet von menschlichen oder tierischen Jägern oder eines anderen Todes gestorben. Doch nie hatte er so etwas Ominöses gesehen. Er erhob sich und eilte davon.

Bald war er mit einer Schaufel zurückgekehrt. Tod unter dem Kreuz Gottes, das hatte nichts Gutes zu bedeuten. Marcus fragte sich, ob es ein Zeichen des Herrn war oder ob der Schelm, der ihm den Dolch geschickt hatte, dahinter steckte. In einiger Entfernung grub er ein Loch unter einen Baum, legte den Vogel hinein, und hielt inne. Vielleicht sollte er den Fink Pépin zeigen. Er zuckte mit den Schultern und schüttete Erde darüber. Was würde Pépin schon mit einem Kadaver tun können, der in derart schlechtem Zustand war?

Zwei Tage später trafen sich Marcus und Pépin mit Armin vor der Kirche. Marcus fröstelte, als er ihnen von dem Vorfall mit dem Distelfink erzählte. Pépin nickte, als Marcus geendet hatte. “Beunruhigende Geschichte. Vielleicht solltest du verreisen, bis wir die Sache geklärt haben”, schlug er vor.

Armin starrte mit blassem Gesicht, auf dem Schweisstropfen standen, das Kreuz an. “Das wird nicht nötig sein.”

“Wieso nicht?”, fragte Pépin.

Armin schwieg.

“Nun sag schon”, drängte Marcus.

Armin wandte sich ab. Er bohrte seine Schuhspitzen in die Erde.

Pépin packte ihn bei der Schulter. “So schweig doch nicht.”

Armin riss sich los und rannte davon. Pépin und Marcus schauten sich an. Pépin schüttelte den Kopf und Marcus rieb sich das Kinn.

Der Morgen graute und Nebel kroch über die Hügel. Fahles Licht sickerte in den Himmel. Armin sass unter einem Flurkreuz und wartete. Bald rief eine Stimme seinen Namen. Er sprang auf und blickte sich um. Doch es war immer noch zu dunkel, um viel zu erkennen. So blieb er stehen und wartete. Schliesslich schälte sich eine Gestalt aus der Finsternis. Er musterte sie kurz und lief dann schnellen Schrittes auf sie zu. Der Mann lächelte und umarmte Armin. “Hast du es gelöst?”, fragte er.

“Ja, Papa”, antwortete Armin.

“Und? Wie lautet die Lösung?”

Armin nannte ein paar Zahlen, dann zog er einen länglichen Stein aus der Hosentasche, kauerte sich nieder und begann, Muster und Zahlen in die blosse, festgestampfte Erde zu zeichnen.

Nach einer Weile stand er wieder auf, legte den Kopf schief und, nachdem er Korrekturen angebracht hatte, trat ein paar Schritte zurück. Die Sonne hatte mittlerweile den Horizont leuchtend rot gefärbt.

“Na dann”, sagte der Mann. “Gehen wir!”

Armin zögerte.

“Was hätten wir sonst tun können?”, fragte der Mann. “Deine Mutter hätte alle Briefe in den Müll geworfen, die ich dir geschickt hätte. Und irgendwie musste ich testen, ob du bereit für die Aufnahmeprüfungen bist.”

“Aber der Herr Pfarrer”, wandte Armin ein.

“Das tut mir auch leid. Aber sieh’s so. Er konnte unwissentlich eine gute Tat vollbringen. Was will ein Pfarrer mehr?”

“Aber er fühlte sich so bedroht.”

“Nun ja, wenn ich den Dolch nicht ins Couvert gelegt hätte, wäre die Gefahr zu gross gewesen, dass er den Brief einfach weggeworfen hätte.”

“Ach, Papa.”

“Jetzt ist alles wieder gut, Armin. Du hast die Briefe ja geschrieben?”

Er nickte.

“Gut, dann werfen wir die schnell in die Briefkästen und dann können wir dieses Dorf endgültig verlassen.”

Eine Taube begann zu gurren.