Die Glasfassaden gaben Blick frei auf den langen, zu einem Park gestalteten Grünstreifen, der den träge vor sich hin fliessenden Fluss säumte. Frühlingsblumen füllten den Park mit satten Farben, deren Süsse man nach dem langen, harschen Winter auf dem Gaumen fühlen konnte. Doch selbst wenn sich die Fenster in der Bibliothek hätten öffnen lassen, hätte man ihren Duft hier nicht riechen können. Zu hoch lag die Bibliothek, zu nahe den azurenen Wogen des gläsernen Himmels.

Das verwinkelte Innere der Bibliothek, die sich über mehrere Stockwerke erstreckte, formten hunderte kleine Räume, deren Wände aus mit dicken und alten Büchern bestückten Regalen bestanden und die nur durch enge Lücken in den Regalen mit dem Rest der Bibliothek verbunden waren. Sitzgelegenheiten, von Ohrensesseln bis hin zu kahlen Felsbrocken, waren grosszügig verstreut und meist dem Thema des jeweiligen Sektors angepasst.

Eine uniformierte Frau führte einen untersetzten Mann in einem blauen Overall zum Sektor über Polarbotanik. Ein Mann in einem ältlichen Anzug stand darin, ein schweres Buch in den Händen. Er schloss das Buch, als sich die Frau räusperte und den Namen des Mannes nannte, den sie begleitete. Er nickte und übergab ihr das Buch, worauf sie den Raum verliess.

“Was haben Sie gegen uns, Herr Bartis?”, fragte der Mann.

“Nichts. Gar nichts”, erwiderte er.

Er schüttelte den Kopf. “Ihre Taten sprechen andere Worte.”

“Wie meinen?”

“Haben Sie den Baramäus-Zwischenfall etwa schon vergessen?”

Er blinzelte. “Nein. Aber was hat das damit zu tun, ob ich Sie mag oder nicht?”

“Man zerstört keine Leichten Kreuzer von Organisationen, denen man wohlgesinnt ist.”

“Wenn man von ihnen bedrängt wird, schon.”

“Sie haben das doch bloss also Vorwand benützt, um Ihre Waffensysteme auszutesten”, antwortete er, sein Tonfall ruhig und gleichmütig.

“Da tun Sie mir Unrecht. Die GAXA ist eine zivile Einrichtung. Ihre Statuten verbieten es ihren Mitgliedern, an militärischen Handlungen teilzunehmen. Ich hatte keine andere Möglichkeit, als mich gegen den LK zu verteidigen.”

Er machte eine abfällige Handbewegung. “Es fällt mir schwer zu verstehen, dass es weniger militärisch sein soll, einen Leichten Kreuzer samt seiner Besatzung zu vernichten, als sich kurzzeitig in einen unserer Verbände einzufügen.”

“Auch Zivilisten dürfen zur Notwehr greifen. Ihre Strategische Raumflotte hingegen ist eine von Grund auf militärische Institution.” Er räusperte sich.

“Sie sind ein schwieriger Mann, Herr Bartis”, erwiderte sein Gegenüber und rückte seine Brille zurecht. “Wir wünschen uns doch bloss ein wenig Kooperation von Ihnen.”

“Sie wünschen vor allem unser Schiff.”

“Das tut nichts zur Sache. Fakt ist, dass Sie mehr als ein Dutzend unserer Angestellten getötet haben.”

“Weil uns der Kreuzer zu einer illegalen Handlung zwingen wollte.”

“In einem Strategischen Verband mitzufliegen, ist nicht illegal. Sie unterstehen immer noch den Gesetzen der EOU, auch wenn Sie sich ausserhalb unserer terrestrischen Territorien befinden.”

“Ich darf Sie daran erinnern, dass die GAXA zur Neutralität verpflichtet ist und die VNP ihr diese Neutralität garantieren.”

Er schnalzte mit der Zunge. “Die VNP können aber auch nicht verhindern, dass manche Leute es als Verrat und Terrorismus ansehen werden, wenn sie erfahren, dass ein Schiff der GAXA einen SR-Kreuzer zerstört hat.”

“Es wird immer Wirrköpfe geben.”

“Aber läge es nicht im Interesse der GAXA, wenn dieser Vorfall nicht publik würde?”

“Die GAXA hat nichts zu verstecken.”

Die Mundwinkel des Mannes zuckten. “Warum sind Sie dann überhaupt hierher gekommen?”

Maria trat ans Fenster und blickte hinaus. “Ich hielt es für höflich, Ihrer Einladung zu folgen. Dazu war es eine gute Gelegenheit, Liechtenstein zu besuchen.” Er wandte sich wieder seinem Gesprächspartner zu. “Es ist ein schöner Tag. Wollen wir nicht einen Spaziergang machen?”

Er runzelte die Stirn. “Ich bin nicht hier, um die Zeit zu vertrödeln.”

“Zeit, die man verbringt, eine malerischen Umgebung zu erkundigen, ist nie verloren.”

“Ich bin hier, um einen Schlussstrich unter den Baramäus-Vorfall zu ziehen.”

Er zuckte die Achseln. “Das habe ich bereits getan. Ich hindere sie nicht daran, es mir gleichzutun.”

“Der Schlussstrich besteht in Ihrer Unterschrift, Herr Bartis.”

“Es wird keine Kooperation zwischen der GAXA und der SR geben”, erwiderte dieser knapp.

“Nein, nein, das würden wir auch gar nicht verlangen.”

“Mein Schiff und meine Crew werden auch nicht aus der GAXA austreten, um mit Ihnen gemeinsame Sache zu machen.”

“Die SR wäre ein sehr grosszügiger Arbeitgeber.”

“Ich lehne ab.”

“Machen Sie es mir doch nicht so schwer, Ihnen zu helfen.”

“Ich habe nicht um Ihre Hilfe gebeten.”

“Dann muss ich mich leider von Ihnen verabschieden. Was weiter geschehen wird, liegt ausserhalb meines Einflussbereiches. Ich will Sie aber warnen, dass es unangenehm werden könnte.”

Maria schüttelte wortlos seine Hand und sah ihm zu, wie er seine Aktentasche nahm und den Raum verliess. Dann lehnte er sich schwer gegen die Fensterwand und seufzte.