Zischend schlossen sich die Türen hinter Anne und der Zug fuhr mit einem Ruck los. Sie stolperte in ein leeres Abteil und setzte sich. Statik schwamm vor ihren Augen, flimmerte wie die winzigen Schneeflocken, die den Vormittag zu füllen begannen. Sie schloss die Lider und hörte dem Rauschen des Blutes in ihren Ohren eine Weile zu.

Der Morgen hatte gut begonnen. Lange bevor der Wecker läuten würde, war sie aufgewacht und in eine nahen Bäckerei gelaufen, um ein Croissant nach französischem Rezept zu kaufen. Üblicherweise ass sie bloss ein paar Frühstücksflocken, vermischt mit Trockenfrüchten, wenn sie welche hatte, was oft der Fall war, und übergossen mit Milch, die bei ihr nur selten im Kühlschrank stand. Sie verdarb meist, bevor Anne mehr als ein Drittel verbraucht hatte und weil es sie reute, so viel Milch in den Abguss zu schütten, kaufte sie kaum Nachschub. Doch in diesem frostklirrendem Wetter, das durch schlecht abgedichtete Fenster bis in ihre Räume gedrungen war, hatte es sie nach etwas Fettigerem, etwas Schwererem gelüstet.

Nach einer raschen, heissen Dusche setzte sie sich an den Schreibtisch. Am Croissant kauend und an einer Tasse Weisstee nippend, arbeitete sie an einer Zeichnung weiter, die den Grossteil der Schreibfläche bedeckte. Sie fokussierte sich auf ein Detail, eine Burg, die im Hintergrund halb im Dunst versank. Die Mauersteine anzudeuten und die Schattenwürfe der Burgtürmchen zu konstruieren, nahm viel Zeit in Anspruch. Morgenlicht filterte sanft durch die Fenster und wärmte ihre nackten Arme. Gedanken rannen aus ihrem Hirn, kristallisierten in der nachtkalten Luft und erodierten zu Staub, bis nur noch die Linie auf dem Papier in ihrem Kopf übrig blieb.

Ein Juckreiz im kleinen Finger brach ihre Konzentration. Sie kratzte die Stelle mit einem Fingernagel und schaute auf die Uhr. Ihr Magen drehte sich um. An andern Tagen hätte sie ihre Wohnung schon vor zehn Minuten verlassen gehabt, doch heute war sie noch nicht einmal halb gekleidet. Hastig zog sie sich an, packte ihre Tasche (sie war froh, dass sie ihr Lunchpaket bereits am Vorabend zubereitet hatte) und rannte hinaus.

Sie gähnte. Ein Widerschein war in ihrem Auge hängen geblieben. Sie blinzelte ungestüm und sah sich um. Eine geräuschlose Leere füllte den Waggon. Sie schien der einzige Passagier zu sein, obwohl immer noch Hauptverkehrszeit war.

Langsam färbte der Schnee die sanft abfallenden Hügel weiss und fast unmerklich begann der Zug zu bremsen. Anne realisierte dies erst, als sich der Zug nur noch im Schritttempo bewegte. Mitten auf der Strecke tat er das sehr selten, aber sie ging davon aus, dass es einen profanen Grund hatte. Vielleicht waren die Schienen vereist oder ein anderer Zug musste abgewartet werden. Kurioserweise hatte es keine Durchsage gegeben, wie es üblich war. Aber es war möglich, dass diese bloss zu leise gewesen war, als dass sie sie über den Chopin, der aus ihren Kopfhörern drang, gehört hätte.

Irgendwann war der Zug gänzlich zu einem Halt gekommen. Anne blickte vom Roman auf, den sie diesen Morgen zu lesen begonnen hatte. Er war ein Geschenk eines alten Bekannten und sie hatte ihn schon ein paar Mal wegwerfen wollen, doch aus einer plötzlichen Laune heraus hatte sie ihn heute mitgenommen. Er war überraschend gut, auch wenn er sie immer wieder unangenehm daran erinnerte, wer ihn ihr geschenkt hatte.

Sie starrte aus dem Fenster. Der Schneefall war intensiver geworden, die Flocken nun gross und flauschig. Die Landschaft dahinter war in graues Licht getaucht und menschenleer. Dörfer waren keine zu sehen, nicht einmal vereinzelte Bauernhäuser. Einzig ein paar Strassen schnitten geometrisch exakt durch die Hügel. Sie riss die Kopfhörer aus den Ohren und stopfte sie in ihre Hosentasche. Dann stand sie auf, zupfte ihre Bluse zurecht, schlüpfte in ihren senfgelben Mantel und griff nach ihrer Tasche.

Die Türen öffneten sich nicht, weder jene, die nach draussen führten, noch jene, die in die angrenzenden Waggons führten. Sie rammte ihre Faust gegen das Glas der Türe. Ein lautes Dröhnen erklang. In die Stille danach glitt eine sanfte Stimme: “Das bringt nichts. Du kannst die Türe nicht öffnen.”

Anne wandte ihren Kopf um und erblickte eine Frau. Ihre Gesichtszüge waren jugendlich und ebenmässig, doch ihre Pupillen widernatürlich gross und schwarz, keine Reflexion war in ihnen zu sehen. Über ihr Schlüsselbein wand sich eine Bandage, geronnenes Blut schimmerte dunkel durch sie hindurch.

“Wo kommst denn du denn her?”, fragte Anne skeptisch.

“Ich habe geschlafen, ich bin erst jetzt wieder aufgewacht”, erwiderte die Frau.

“Ich dachte, ich sei alleine im Wagen.”

“Mh.”

Sie blickten nach draussen. Der frische Schnee liess die Landschaft lieblich aussehen, er hatte die scharfen Kanten weichgezeichnet. Über den Hügeln brodelten schwarze Wolken, ab und zu huschte ein Wetterleuchten durch ihre schweren Bäuche.

“Wenn du deine Wut abreagiert hast, werde ich mich wieder niederlegen”, sagte die Frau.

“Aber”, wandte Anne ein.

“Was ist?”

“Wieso hat der Zug mitten auf der Strecke angehalten?”

Sie schwieg. Die Schwärze schien aus ihren Augen zu verdunsten und hinterliess funkelnd blaue Iriden. Nach einer Weile antwortete sie: “Woher soll ich das wissen?”

Anne hob ihre Schultern. “Du hattest diesen Gesichtsausdruck. Als würdest du-”

“Was weisst du schon über mein Gesicht?”, unterbrach sie und wandte sich ab.

Anne seufzte.

Die Frau stapfte an ihr vorbei und legte sich auf eine Sitzbank. Sie liess die Beine über die Armlehne baumeln und schloss die Augen.

Anne setzte sich ihr gegenüber. Sie zog den Mantel wieder aus und legte ihn über ihre Oberschenkel. Hitze juckte unter ihre Haut, brannte in ihren Füssen. Sie presste ihre Hand gegen die kühle Fensterscheibe.

Dann schüttelte sie den Kopf, zog ihre Augen weg vom wogend fallenden Schnee, der milchige Streifen in den verdunkelnden Mittag zeichnete. “Aber wir können doch nicht einfach hier warten”, klagte sie.

“Wir können nichts anderes tun.”

“Aber-”

“Was willst du schon tun? Eine Scheibe einschlagen und rausgehen? Dann stehst du draussen in der Kälte, meilenweit weg von der nächsten Ortschaft. Entscheide, wie du willst.”

Anne brummte und liess den Kopf gegen das Polster fallen. “Das ist nicht wirklich eine Wahl.”

“Nein, aber was hast du erwartet?”

Sie hob die Schultern. “Ich weiss nicht. Aber in einem Geisterzug eingesperrt zu sein, der in einer gottverlassenen Gegend gestrandet ist, ist etwas zu viel auf einmal.”

“Muss schön sein, wenn ein kleiner Bahnunterbruch die grösste Sorge ist, die man hat.”

Anne schwieg. In der stagnierend warmen Luft im Zug kroch ein Frösteln über ihre Haut.

In die Stille, die sich zwischen ihnen ausbreitete, drängte sich das Pfeifen des Windes. Anne unterdrückte einen Hustenreiz und studierte die junge Frau. Irgendein Detail an ihr faszinierte sie. Doch je länger sie sie ansah, desto mehr verstörte es sie. Abrupt stand sie auf und machte einen Schritt aus dem Abteil hinaus. Da packte die Frau ihre Hand. Anne blickte nieder zu ihr. Ihre Augen waren geweitet und ihr Kiefer zuckte. “Wo gehst du hin?”, fragte sie.

“Ich-”, begann An. “Ich dachte bloss-”, sprach sie weiter und brach wieder ab.

“Willst du mich alleine hier zurücklassen?”

“Nein, natürlich nicht”, antwortete sie und setzte sich wieder hin. “Was nun?”

“Wir warten.” Ein Lächeln huschte über ihre Lippen.

Blut pulsierte träge im Adergeflecht, das sich bläulich unter Annes Schläfen abzeichnete. Ihre Fingerkuppen pochten sporadisch gegen die Armstützen, formten Löcher in der Stille. Das Plastik hatte seine Härte verloren, war nun so wenig spürbar wie der Boden unter ihren Stiefeln oder das Polster in ihrem Rücken. Sie blickte nach draussen. Schneefall und Wind hatten nachgelassen. Eine bleierne Leere hing über schneebedeckten Hügeln, die sich bis zum Horizont erstreckten. Reglos standen Fichten im Tag, bleich und halb durchsichtig im Schimmer einer sinkenden Mittagssonne. Das Licht war flüssig geworden. Es tropfte von Ästen, umhüllte Schneekristalle und sammelte sich zäh schwappend in Pfützen.

Anne nickte, lehnte sich zurück und schloss die Augen.