(Müdigkeit zerrt an meinen Lidern, doch mein Hirn liegt nackt und hellwach da. Unfähig, das erschreckend laute Pochen meines Herzens zu ignorieren und die laut ratternden Gedanken in kaltem Schlaf zu ertränken. Eine unbestimmte, gänzlich vage Furcht hockt zementschwer auf meiner Brust. Irgendetwas wird geschehen, morgen. Irgendwas.)

Hitze schwappte über ihre Haut, zerrte an ihren Lippen und tränkte die schweissdurchnässten Laken. Sie riss die Lider auf, stöhnte, als Schmerz ihre entzündeten Augen füllte. Tränen von den Wangen wischend, setzte sie sich auf. Licht drang in Fächern durch die Fensterläden.

Stille umhüllte sie. Selbst als sie unter der Dusche stand und Wasser ihre Sinne flutete, presste der Mangel an Geräuschen die Luft aus ihren Lungen und liess einen bitteren Geschmack auf ihrer Zunge zurück.

Heisser Dampf folgte ihr, als sie aus dem Badezimmer trat und die Treppe in die Küche hinunter stieg. Wassertropfen hingen in ihren Haaren, tropften kalt auf ihre nackten Schultern.

Cornflakes knisterten und knackten unter der kalten Milch. Ein Frösteln kroch ihr Rückgrat hoch, als das Echo durch das leere Haus hallte, dem jegliches Leben (die Stimmen ihrer kleinen Schwestern genauso wie das warme Fell der Siamkatze) abhanden gekommen schien.

Wolkenfetzen huschten über den fahlen Horizont. Schweiss rann ihr Schlüsselbein entlang, doch selbst im Schatten der alten Platanen war die Hitze erdrückend, die unbewegt über dem Asphalt verharrte und an trockenen Augäpfeln kleben blieb.

Die Stadt war leer, die Strassen glichen grauen Wüsten, denen jegliches Leben fehlte. Wo früher Kinder spielten und lachten, war nun bloss noch eine vergilbte grüne Ödnis.

Sie hielt kurz inne vor einer französischen Bäckerei, doch diese war so verlassen wie die Cafés und Freiluftkinos. Also schlenderte sie weiter, genoss die Einsamkeit und Stille beinahe.

In jenem Augenblick, da der erste Luftstoss dieses Morgens (der erstaunlich war kalt für einen Septembertag, an dem das Quecksilber in den Thermometern zu kochen schien) durch ihr Haar strich, hörte sie ein fahles, unbestimmbares Donnern in der Ferne. Es bewegte etwas in ihr, weckte eine Emotion in ihr, die gläsern durch ihren Körper wogte. Neugier blühte in ihr auf und verdrängte die furchtsame Skepsis, die in ihr harrte, seit sie diesen Morgen aufgewacht war und ihr Haus wie auch die Stadt bar jeglichen Lebens vorgefunden hatte. Beinahe unbewusst schlugen ihre Füsse eine andere Richtung ein, die sie näher und näher zum Geräusch brachte.

Tote Betonkolosse säumten ihren Weg.

Irgendwann verlor sie ihr Gefühl für die Zeit. Die Sonne änderte ihre Position nur um Millimeter und brannte heiss auf sie herab.

Dann erreichte sie den Riss. In einem industriell genutzten Ausläufer der Stadt war der Beton und der Asphalt aufgerissen und entblösste einen farblosen Abgrund. Eine schwarze, teerartige Flüssigkeit sickerte an manchen Stellen aus dem Spalt. Scharen winziger, mondweisser Falter füllten die Luft mit ihren sirrenden Flügelschlägen, schienen gleich der geruchlosen Masse aus dem Innern der Erde zu quillen.

Der Boden zitterte und zuckte unter ihren Füssen. Von einer merkwürdigen Ruhe erfasst, trat sie vorwärts, beugte sich über den Rand des Risses. Das Sonnenlicht verblasste schon nach ein paar Metern, schien von dem Abgrund förmlich verschluckt zu werden.

Der Donnerschlag erwischte sie unerwartet und presste mit stählerner Kälte die Luft aus ihren Lungen. Der Asphalt verlor seine Festigkeit unter ihren Füssen und sie wurde in die flirrende Luft geschleudert. Ihre Zähne knirschten, als sie hart auf dem Boden aufschlug. Den brennenden Schmerz ignorierend, setzte sie sich auf, starrte einer farblosen Abnormalität entgegen, die über dem Abgrund harrte. Das Wesen war von pathologischer Irregularität und hing reglos in der Luft. Dann öffnete es seine Augen und blickte sie an. Es waren zu viele Augen, die an zu unnatürlichen Stellen lagen. Ein Tentakel löste sich aus seinem Körper und verharrte kurz vor ihrem Kopf, bevor er ihre Schädeldecke durchdrang und in ihr weich pulsierendes Hirn sank.

(Trostlos bunte Blumenkränze liegen vor dem Denkmal. Jene makellose Stele, die eine halbe Meile in den Himmel ragt und neben der Autobahn steht, die zur toten Stadt führt. Zur Stadt, die eines Montagmorgens leer und verlassen vorgefunden wurde. Der namenlose Schrecken, der dort gewütet hatte, hatte keine Spur der einstigen Bewohner zurück gelassen. Bloss ein paar seltsame Falter, die jedoch bald wieder verschwanden, waren gefunden worden. Die Regierung hatte bald erkannt, dass jegliche Wiederansiedlungsversuche nutzlos waren und die Stadt aufgegeben.

Nun steht sie dort und zerfällt, die tote Stadt. Begräbt ihr Geheimnis im grauen Staub des verwitternden Betons.)