Wir fielen. Unsere Schreie verloren sich in der lichtarmen Endlosigkeit des Abgrunds. Der Fallwind riss den Schweiss von meiner Haut und zerrte an meinen Haaren. Unsere Kleider flatterten und knatterten um unsere Körper.

Zäh wie Teer zog sich die Zeit dahin. Aus den Sekunden wurden Minuten und der Fall hatte immer noch kein Ende genommen.

Ich hatte keine Erinnerungen, wie ich hierher gekommen war. Ich wusste nicht einmal, was oder wo dieser Abgrund war. Mir war bloss bewusst, dass er mich und Julie verschluckte hatte.

Tränen füllten ihre Augen. Ich spürte, wie sie heiss über ihre Wangen rollten. Unsere Kehlen schon lange heiser und rau vom Schreien, gellte Julie plötzlich wieder auf, als ich meine verkrampften Hände kurz von ihrem Körper nahm, um sie knetend etwas zu lockern.

Ihre Umklammerung raubte mir den Atem. Doch als sie sich ein wenig von mir löste, wallte Panik in mir auf und ich zog sie wieder an mich.

{Jetzt, Jahrzehnte später, nachdem ich mich endlich dazu habe durchringen können, diese surrealen Ereignisse niederzuschreiben, kann ich etwas erwähnen, woran ich damals keinen einzigen Gedanken verschwendet hatte: Julie war bloss eine flüchtige Bekannte. Vor dem Fall hatte ich sie erst ein paar Mal gesehen. Und vor jenem Tag, an dem sich diese unerklärlichen Vorfälle abspielten, hatten wir auch kaum je miteinander gesprochen. Höchstens ein paar Worte der Begrüssung gewechselt, wenn es uns in einer Vorlesung zur Quantenelektrodynamik auf nebeneinanderliegende Sitze verschlagen hatte.

Nach diesem Tag schwiegen wir, wann immer wir uns zufällig kreuzten. Erst flogen noch scheue Blicke zwischen uns hin und her, doch diese versiegten rasch. Unser vereinte vermutlich die Furcht davor, dass es sich bei den Ereignissen bloss um einen Tagtraum gehandelt hätte und dass der jewilig andere uns für verrückt halten würde, kämen wir auf das Thema zu sprechen. Dies und die Scham.}

Meine Finger krallten sich in ihr weiches Fleisch. Der Drang, mich irgendwo festzuhalten, war überwältigend und ausser ihr war nichts anderes greifbar. Ihr Körper hatte eine merkwürdig beruhigende Wirkung auf mich.

Ihr Atem begann wieder flacher zu werden. Ein Schauder schüttelte ihren Körper, ging in meinen über. Doch dieses Mal war es nicht aus Furcht, sondern aus Erregung, wie ich spürte, als sie ihre Lippen gegen meine drückte und ihre Zunge sich einen Weg in meinen Mund bahnte.

Eng umschlungen wie wir waren, spürten wir die Erregung des jeweilig andern unmittelbar. Heisses Blut kroch in meine Wangen, als ich realisierte, dass meine Erregung nicht erst begonnen hatte, als sie mich küsste, sondern einige Zeit früher.

Der Staub der Zeit holte uns wieder ein. Mein Bewusstsein troff aus meinem Leib und meine Erinnerungen wurden so fragil und flüchtig wie Schneeflocken im April.